{"id":1028,"date":"2021-04-07T19:09:27","date_gmt":"2021-04-07T17:09:27","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=1028"},"modified":"2021-04-07T19:12:41","modified_gmt":"2021-04-07T17:12:41","slug":"1028","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=1028","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<p>Diese und andere derzeit popul\u00e4re F\u00fcllsel.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><br>\u00c4hm, ein F\u00fcllsel ist, \u00e4h, Hackfleisch, zumindest in der Paprika. Also, \u00e4h ja, im K\u00fcchenlatein, \u00e4h, -deutsch. In der Rhetorik ist ein, \u00e4h, F\u00fcllsel, ein \u201eVerz\u00f6gerungslaut\u201c, \u201ePausenlaut\u201c, \u201eFlicklaut\u201c, laut Wikipedia<strong><sup>1<\/sup><\/strong>, \u201eim Deutschen \u00fcblicherweise \u00e4h, \u00e4hm oder mhh\u201c.<br><br>Mhh, das meine ich aber nicht.<br><br>Was ich meine, hat Olga Tokarczuk in \u201eGesang der Flederm\u00e4use\u201c ganz wunderbar beschrieben<strong><sup>2<\/sup><\/strong>: \u201eIch hatte meine Theorie zum Thema solcher F\u00fcllsel. Jeder Mensch hat so einen Ausdruck, den er \u00fcberstrapaziert. Oder den er falsch anwendet. So ein Wort ist der Schl\u00fcssel zu seinem Geist. Herr ,Angeblich\u2018, Herr ;Generell\u2018, Herr ,Schei\u00dfe\u2018, Frau ,Eigentlich\u2018. Der Vorstand war Herr ;Nichtwahr\u2018. Nat\u00fcrlich gibt es Moden f\u00fcr manche Worte, ebenso wie es andere Moden gibt, die bewirken, dass die Leute pl\u00f6tzlich alle einen Rappel kriegen und in identischen Schuhen oder schwarzen Klamotten herumlaufen. Das Gleiche passiert mit Worten: Auf einmal benutzen alle dasselbe Wort. Noch bis vor kurzem war es ,sozusagen\u2018 und heutzutage feiert das Wort ,zeitnah\u2018 Triumphe.\u201c<br><br>Das war vor etwa zehn Jahren. Das \u201enichtwahr\u201c am Satzende ist noch immer aktuell, ebenfalls oft geh\u00f6rt, das \u201eja\u201c am Satzende, bei dem der Zuh\u00f6rer st\u00e4ndig meint, nicken zu m\u00fcssen. Meist handelt es sich weniger um das Erheischen von Zustimmung oder \u00dcberheblichkeit, sondern um einen schlichten Sprechfehler, der sich mit ein paar Rhetorikstunden austreiben lie\u00dfe.<br><br>Die aktuellsten F\u00fcllsel im tokarczukschen und zabotaschen Sinne: nat\u00fcrlich und tats\u00e4chlich.<br><br>Wer Radio h\u00f6rt, gewinnt den Eindruck, dass jeder versucht, das Wort \u201enat\u00fcrlich\u201c m\u00f6glichst oft in einem Satz unterzubringen. Fast immer ist es \u00fcberfl\u00fcssig. In einem Schulaufsatz w\u00fcrde am Rand das Fehlerzeichen \u201eWhs\u201c stehen. Wiederholung Sprache.<br><br>Ein paar Beispiele: Reporter auf der M\u00f6belmesse in K\u00f6ln. Fragt Passanten, warum sie so hier sind, trifft auf Designerin. Reporter will wissen, ob sie beim Anblick der Wohnung, R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Psychologie der Leute ziehen k\u00f6nne. Sie antwortet: \u201eIch bin nat\u00fcrlich keine Wohnpsychologin, ich bin nat\u00fcrlich Innendesignerin\u2026\u201c Bravo! Zweimal \u201enat\u00fcrlich\u201c in einem Satz.<br>Ern\u00e4hrungsexperte: \u201eDie Preise f\u00fcr Lebensmittel haben sich nat\u00fcrlich stark zur\u00fcckentwickelt\u201c Warum ist es denn \u201enat\u00fcrlich\u201c, dass sich die Preise f\u00fcr Lebensmittel stark zur\u00fcckentwickelt haben? Und \u00fcberhaupt: \u201ezur\u00fcckentwickelt\u201c! \u201eMinuswachstum\u201c, oder was?<br>Zitat aus der Tageszeitung: \u201eEin die Stadt Frankfurt betreffendes Urteil ist nat\u00fcrlich von besonderer Tragweite\u2026\u201c Was ist daran nat\u00fcrlich?<br>Manchmal erkl\u00e4rt sich der Gebrauch des Wortes durch eine gewisse Aufgeregtheit von Interviewten. Radioreporterinnen und Radioreportern d\u00fcrfte das eigentlich nicht passieren. Dennoch schaffte es eine Kollegin in eineinhalb Minuten zwei \u201enat\u00fcrlich\u201c und ein \u201etats\u00e4chlich\u201c unterzubringen. Nicht, dass ich jetzt mit der Stoppuhr Jagd auf F\u00fcllsel machen w\u00fcrde \u2013 aber die Sendung, ein Programmhinweis, tr\u00e4gt den Titel \u201e1:30 f\u00fcr\u2026\u201c. Da fiel es eben auf.<br>Oder in einer Gr\u00fcnanlage: Person sitzt auf Bank. Kommt zweite Person und fragt, ob daneben noch frei sei. \u201eNat\u00fcrlich ist da frei\u201c lautete die Antwort. H\u00e4?<br>Kurz vor der Abreise am Freitag fragte der Pressesprecher des besuchten Unternehmens den Journalistenkollegen, ab man in der Bahn einen Sitzplatz reserviert habe. \u201eNat\u00fcrlich haben wir reserviert\u201c, lautete die Antwort. Vollst\u00e4ndig klang die Antwort so: \u201eNat\u00fcrlich haben wir reserviert, Idiot\u201c. So ein Wort ist eben der Schl\u00fcssel zum Geiste des Sprechenden.<br>Die Polarforscherin: \u201eDer Eisb\u00e4r ist nat\u00fcrlich neugierig.\u201c<br><br>V\u00f6llig unertr\u00e4glich ist es, wenn das F\u00fcllsel mit Evidentem einhergeht: \u201eEs ist nat\u00fcrlich so, dass\u2026\u201c Wenn es \u201enat\u00fcrlich so ist\u201c, gibt es doch dazu nichts zu sagen. Oder: \u201eIch h\u00e4tte mir nat\u00fcrlich gew\u00fcnscht, fr\u00fcher zu \u00f6ffnen\u2026\u201c Wer w\u00fcnschte sich das nicht? \u201eNat\u00fcrlich mit Hygienekonzept\u2026\u201c Wer h\u00e4tte das gedacht?<br><br>Auf Platz zwei in den aktuellen F\u00fcllselcharts kommt: tats\u00e4chlich. Es ist geradezu epidemisch und ich gebe zu: \u201eStrg F tats\u00e4chlich\u201c zeigt auch in meinen Texten viele, zu viele, Tats\u00e4chlichs. Das Wort soll wohl einerseits f\u00fcr Aufmerksamkeit sorgen, andererseits eventuellem Widerspruch antizipierend begegnen. In etwa so:<br>Stellen Sie sich vor, Monsieur Jo war (tats\u00e4chlich) ein Erpresser.<br>Nein!<br>Doch!<br>Ooooh!<strong><sup>3<\/sup><\/strong><br><br>Ein \u201etats\u00e4chlich\u201c kann durchaus seine Berechtigung haben. Zum Beispiel in dem Satz \u201eDas habe ich tats\u00e4chlich erlebt und nicht getr\u00e4umt\u201c. Meist muss es jedoch als F\u00fcllsel herhalten.<br><br>Was au\u00dferdem gerade Triumphe feiert ist: \u201eEs geht darum\u2026\u201c Ein Statement einer Politikerin oder eines Politikers ohne dieses F\u00fcllsel ist derzeit undenkbar. Besonders Wirtschaftsminister lassen gerne wissen, worum es geht. Ausgerechnet. Weil man ja keine Ahnung hat. Der Gebrauch der Redewendung hat teilweise schon bizarre Z\u00fcge. Neulich wurde im Radio eine Englisch sprechende Person interviewt. Man h\u00f6rt noch, wie sie im Hintergrund mit dem Satz \u201eThe plan is\u2026\u201c anhub, und dann die moderierende Person \u00fcbersetzte: \u201eEs geht darum\u2026\u201c.<br><br>Dass es anders geht, habe ich vor kurzem erlebt: Eine Kunsthistorikerin, die als Professor an einer deutschen Universit\u00e4t lehrt und in ihrer franz\u00f6sischen Heimat ebenfalls eine anerkannte Expertin ist, spricht ein so sch\u00f6nes, wohlklingendes, korrektes, elegantes Deutsch \u2013 nicht ein nat\u00fcrlich, bzw. tats\u00e4chlich, geschweige denn ein \u201e\u00e4h\u201c.<br><br>Ebenfalls gerade im \u00dcberma\u00df genutzt \u2013 das metaphorische Sehen. Wir \u201esehen\u201c die Zahlen steigen und fallen, wir \u201esehen\u201c eine starke Verunsicherung oder wir \u201esehen\u201c etwas nicht. \u201eHerbert Diess, der Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns, h\u00e4lt die Idee eines gro\u00dfen Marktes f\u00fcr Brennstoffzellen-Autos f\u00fcr zu optimistisch. ,Sie werden keinen breiten Einsatz von Wasserstoff in Autos sehen. Nicht einmal in 10 Jahren, weil die Physik dahinter einfach so unvern\u00fcnftig ist,\u2018 sagte Diess der Financial Times.<strong><sup>4<\/sup><\/strong>\u201c<br><br>Und wie Olga Tokarczuk sagt: Es sind Moden. Manches verschwindet wieder. Nat\u00fcrlich ist am Ende des Tages die vor Jahren so h\u00e4ufig genutzte Wendung: \u201eam Ende des Tages\u201c tats\u00e4chlich wieder verschwunden.<br><br><br>Foto von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/@olly?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Andrea Piacquadio<\/a><\/strong> von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/lachelnde-ethnische-frau-mit-leerem-plakat-in-der-leeren-wohnung-3758104\/?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Pexels<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br><br><br><strong>1<\/strong> Wikipedia-Eintrag \u201eF\u00fcllsel\u201c abgerufen am 18.03.2021<br><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/F%C3%BCllsel\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/F%C3%BCllsel<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>2<\/strong> zitiert aus Olga Tokarczuk \u201eGesang der Flederm\u00e4use\u201c, Kampa Verlag AG, Z\u00fcrich, 2019, Seite 211f.<br><br><strong>3<\/strong> Dialog mit Louis de Fun\u00e8s und Bernard Blier in dem Film \u201eHasch mich \u2013 ich bin der M\u00f6rder\u201c (1971)<br><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WJlZLG9UXSY\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WJlZLG9UXSY<\/a> Damals ging es noch ohne das besagte Wort.<br><br><strong>4<\/strong> zitiert nach Business Insider, 10.03.2021: VW-Mercedes &amp; Co. verabschieden sich von ihren Wasserstoff-Tr\u00e4umen\u2026<br><a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/wirtschaft\/mobility\/vw-mercedes-co-verabschieden-sich-von-ihren-wasserstoff-traeumen-das-spricht-gegen-den-h2-antrieb-b\/\">https:\/\/www.businessinsider.de\/wirtschaft\/mobility\/vw-mercedes-co-verabschieden-sich-von-ihren-wasserstoff-traeumen-das-spricht-gegen-den-h2-antrieb-b\/<\/a><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese und andere derzeit popul\u00e4re F\u00fcllsel.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1030,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[248,249,129,250],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1028"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1028"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1028\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1033,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1028\/revisions\/1033"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1030"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1028"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1028"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1028"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}