{"id":1048,"date":"2021-11-10T20:57:32","date_gmt":"2021-11-10T18:57:32","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=1048"},"modified":"2021-11-10T20:57:32","modified_gmt":"2021-11-10T18:57:32","slug":"bitter-nur-fuer-die-bauern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=1048","title":{"rendered":"Bitter nur f\u00fcr die Bauern"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir genie\u00dfen den Kaffee, die Erzeuger nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><br>1991: Der Morgenkaffee in der Mensa geh\u00f6rt einfach dazu. Allerdings habe ich mich im Studium intensiver mit Kaffee befasst \u2013 und zwar mit Rohkaffee. Rohkaffee ist nach Erd\u00f6l das zweitwichtigste Handelsgut der Welt. Insofern hat es gut zum Thema \u201eRohstoffm\u00e4rkte\u201c im Fach International Business<sup>1<\/sup> gepasst. Vor 30 Jahren entstand meine Semesterarbeit<sup>2<\/sup> \u00fcber Kaffee.<br><br>Mein Fazit damals:<br>\u25aa bei den Kaffeebauern liegt einiges im Argen<br>\u25aa die Verantwortung liegt bei den Importeuren<br><br>Auf dem Markt f\u00fcr Rohkaffee, so schrieb ich seinerzeit, herrschen zwar die Gesetze der Marktwirtschaft \u2013 von Sozialer Marktwirtschaft kann jedoch keine Rede sein. W\u00e4hrend sich entlang der Wertsch\u00f6pfungskette Verbraucher, der Handel, Verarbeiter und andere eine goldene Nase verdienen, bleibt ganz unten nicht viel h\u00e4ngen. Denen ganz unten, den Kaffeebauern, ging es schon damals schlecht. Damit teilen sie das Los der B\u00e4uerinnen und Bauern hierzulande.<br>Eine weitere Erkenntnis von damals: Die Verantwortung f\u00fcr den Preis, den die Bauern bekommen, liegt im wesentlichen bei den Verarbeitern, also einer Handvoll Konzerne, deren Marken wir alle kennen.<br><br>2021: Vor kurzem erschien im IfW Kiel eine Studie<sup>3<\/sup> \u00fcber den Internationalen Kaffeehandel.<br>Das Fazit heute:<br>\u25aa Kleinbauern in Anbaul\u00e4ndern haben wenig Chancen, die Einkommen zu steigern<br>\u25aa die soziale Verantwortung haben die gro\u00dfen multinationalen Konzerne, die den Markt dominieren.<br><br>Zwischen meiner Studienarbeit im Sommersemester 1991 und der Studie des IfW Kiel liegen fast genau 30 Jahre. Und noch immer ist der Anteil der Bauern an der Wertsch\u00f6pfung der Geringste. Wie die Autorinnen und Autoren der Studie schreiben, habe sich die Wertsch\u00f6pfung sogar immer weiter zur Verarbeitung der Bohnen vor allem zur Veredelung zu R\u00f6stkaffee verschoben. Die Akteure in den Anbaul\u00e4ndern<sup>4<\/sup> h\u00e4tten dagegen ihre Einkommen nur moderat steigern k\u00f6nnen.<br><br>Denn die Erzeugerpreise sind \u00fcber die Jahrzehnte weitgehend gleich geblieben. In meine Semesterarbeit habe ich eine Grafik gesetzt, die den ICO<sup>5<\/sup>-Rohkaffeepreis in US-Cents pro Pfund (hier: lb ca. 453 Gramm) zeigt. Der Zehnjahresdurchschnitt von 1979 bis 1989 lag ganz grob bei 131. Wobei der Preis zwischen 170 und 91 schwankte.<br>Der Durchschnitt von 2009 bis 2019 lag nach meinen Berechnungen auf Basis der ICO-Statistik bei 135, mit einem Maximum von 210 (2011) und einem Minimum von 100 (2019)<sup>6<\/sup>. Derzeit, das hei\u00dft am 2. November 2021, hatten wir eher ein Hoch, n\u00e4mlich 188 US-ct\/lb.<br>Und wenn eine gro\u00dfe deutsche Tagszeitung bei 122 im Juni 2021 schreibt \u201eTeurer Kaffee\u201c zeigt das nur, dass man keine Ahnung hat.<br><br>F\u00fcr die Kaffeetrinkerin und den Kaffeetrinker stellt sich das Ganze recht erfreulich dar. Seit ich Zahlen lesen kann, liegt der Preis pro Pfund (hier: 500 Gramm) bei rund zehn D-Mark bzw. f\u00fcnf Euro. Der Preis kann bei Sonderangeboten sogar in Richtung drei Euro gehen, aber: Den Kaffeeverarbeitern ist es gelungen, ihr Produkt zum \u201eLifestyle-Luxusgut\u201c zu deklarieren und teilweise wesentlich h\u00f6here Preise daf\u00fcr zu verlangen. Ebenso f\u00fcr Kaffeemaschinen. Ausgerechnet in den extrem umweltsch\u00e4dlichen Aluminiumkapseln geht der Preis inzwischen \u00fcber 70 Euro pro Kilogramm.<br><br>Die Wirtschaftswissenschaftler aus Kiel stellen fest: \u201eIn den letzten 30 Jahren stiegen Preise und Absatzmengen von ger\u00f6stetem Kaffee bzw. Kaffeeprodukten, wie etwa Kaffeekapseln, stark an.\u201c<br><br>Doch die Erzeuger in den Exportl\u00e4ndern haben davon nichts. Bei vielen G\u00fctern ist es so, dass sich die Rohstofferzeuger in der Wertsch\u00f6pfungskette weiter nach oben hangeln. Bei Kaffee w\u00fcrde das bedeuten, nicht Rohkaffee, gr\u00fcne Bohnen in groben S\u00e4cken, sondern ger\u00f6stete braune Kaffeebohnen in edlen Verpackungen anzubieten. Doch das funktioniert hier nur teilweise, schreiben die Kieler Forscher. Das hat zwei Gr\u00fcnde: Zum einen kennen nur die gro\u00dfen Konzerne die Vorlieben der Kaffeetrinker in den jeweiligen Absatzm\u00e4rkten, zum anderen ist das R\u00f6sten und Verpacken kapitalintensiv. Au\u00dferdem verliert R\u00f6stkaffee schnell sein Aroma, ist also f\u00fcr l\u00e4ngere Transportwege schlecht geeignet. Und selbst wenn in den Anbaul\u00e4ndern Verarbeitungskapazit\u00e4ten aufgebaut w\u00fcrden, sind diese meist weitgehend automatisiert und w\u00fcrden nur wenige Arbeitspl\u00e4tze entstehen lassen.<br><br>Wohlstand und Wachstum kommen daher nicht zu den Erzeugern. Die Forschenden aus Kiel schreiben 2021 dazu: \u201eDen wenigen westlichen Kaffee-Konzernen, die den Markt dominieren, kommt daher eine immense soziale Verantwortung gegen\u00fcber den Anbaul\u00e4ndern zu und sie sollten etwa f\u00fcr einen nachhaltigen Kaffeeanbau, gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung sowie einen verst\u00e4rkten Einsatz von Technik und Maschinen einstehen.\u201c<br><br>In meiner Studienarbeit habe ich 1991 geschrieben: \u201eDie Verantwortung, etwas zu \u00e4ndern liegt letztlich beim Importeur. Der k\u00f6nnte \u00fcber den Preis ein gerechteres Einkommen f\u00fcr die Kaffeebauern anstreben&#8220;.<br><br>So wenig \u00e4ndert sich in 30 Jahren.<br><br><br>1 Hochschule Pforzheim<br><a href=\"https:\/\/businesspf.hs-pforzheim.de\/studium\/studierende\/bachelor\/bwl_international_business\">https:\/\/businesspf.hs-pforzheim.de\/studium\/studierende\/bachelor\/bwl_international_business<\/a><br><br>2 \u201eKaffee \u2013 ein Weltwirtschaftsfaktor\u201c im Seminar Au\u00dfenwirtschaft\/Internationale Rohstoffm\u00e4rkte, 12 Seiten, Mai 1991<br><br>3 \u201eFostering the Development of the Coffee Global Value Chain\u201c, Kiel Institute for the World Economy (IfW), Nr. 2170, 51 Seiten, im Auftrag im Auftrag der Gesellschaft f\u00fcr internationale Zusammenarbeit (GIZ), Pressemitteilung von Januar 2021<br><a href=\"https:\/\/www.ifw-kiel.de\/de\/publikationen\/medieninformationen\/2021\/internationaler-kaffeehandel-multinationale-konzerne-stehen-in-der-verantwortung\/\">https:\/\/www.ifw-kiel.de\/de\/publikationen\/medieninformationen\/2021\/internationaler-kaffeehandel-multinationale-konzerne-stehen-in-der-verantwortung\/<\/a><br><br><a href=\"http:\/\/www.giz.de\">www.giz.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br>4 Die zehn wichtigsten Kaffeeanbaul\u00e4nder<br><a href=\"https:\/\/www.kaffeeroesterei-kirmse.de\/kaffee-anbau\">https:\/\/www.kaffeeroesterei-kirmse.de\/kaffee-anbau<\/a><br><br>5 ICO International Coffee Organization<br><a href=\"https:\/\/www.ico.org\/\">https:\/\/www.ico.org\/<\/a><br><br>6 ICO-Statistiken<br><a href=\"https:\/\/www.ico.org\/coffee_prices.asp?section=Statistics\">https:\/\/www.ico.org\/coffee_prices.asp?section=Statistics<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br>Foto von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/@polina-tankilevitch?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Polina Tankilevitch<\/a><\/strong> von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/bohnen-koffein-kaffee-dunkel-4109743\/?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Pexels<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir genie\u00dfen den Kaffee, die Erzeuger nicht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1049,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1048"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1048"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1051,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1048\/revisions\/1051"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1049"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}