{"id":1092,"date":"2022-02-14T20:38:18","date_gmt":"2022-02-14T18:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=1092"},"modified":"2022-11-08T18:32:34","modified_gmt":"2022-11-08T16:32:34","slug":"der-garten-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=1092","title":{"rendered":"Der Garten Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Modell f\u00fcr eine zukunftsf\u00e4hige \u00d6konomie.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDie Idee ist nicht von mir. Ich habe neulich davon gelesen und zwar in dem sehr empfehlenswerten Buch<strong><sup>1<\/sup><\/strong> von Maja G\u00f6pel \u201eUnsere Welt neu denken\u201c. Wobei die Idee auch nicht von ihr ist, sondern in einem der Zitate vorkommt, die sie jedem Kapitel voranstellt: \u201eDie Komplexit\u00e4ts\u00f6konomik zeigt, dass die Wirtschaft, niemals in perfekter Balance oder Stagnation ist und immer sowohl w\u00e4chst als auch schrumpft. Und genau wie ein vernachl\u00e4ssigter Garten tendiert auch eine sich selbst \u00fcberlassene Wirtschaft in Richtung ungesunder Ungleichgewichte\u201c. Maja G\u00f6pel zitiert hier die \u00d6konomen Eric Liu und Nick Hanauer.<\/p>\n<p>Wie ein Garten! Das ist ein so sch\u00f6nes Bild. Deshalb will ich es in vier Schritten weiter ausmalen.<\/p>\n<p>1. Schritt: Es muss wachsen.<br \/>\nWenn wir ein Samenkorn, eine Zwiebel oder eine Knolle in die Erde legen, erwarten wir, dass es w\u00e4chst. Oh, die Faktoren, die Wachstum verhindern, sind Legion. Zu kalt, zu warm, zu nass, zu trocken. F\u00fcr die Herbstsaat von Getreide ist es besser, wenn eine Schneedecke auf ihr liegt. Dann hat sie es nicht so kalt. Jedenfalls nicht so kalt, wie wenn sie ungesch\u00fctzt einem starken Nachtfrost (-20\u00b0!) ausgesetzt w\u00e4re und erfriert. Einmal habe ich Kamillesamen verbuddelt. Also, Linie gezogen, leicht mit Erde bedeckt. Es wurde nichts. Kamille ist ein Lichtkeimer. Es h\u00e4tte gen\u00fcgt, den Samen einfach auszustreuen.<br \/>\nSamenk\u00f6rner im Wirtschaftsleben sind Unternehmensgr\u00fcndungen und Startups. Daher hei\u00dft die Art der Fr\u00fchfinanzierung Seed Financing. Und wir erwarten, wir w\u00fcnschen, wir hoffen, es wachse.<br \/>\n\u00dcbrigens hege ich auch wieder einen Setzling namens <strong>Waldfreund.in<\/strong> (<a href=\"https:\/\/waldfreund.in\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> der Link). Das ist ein Online-Publikumsmagazin, das Spannendes zum Thema Wald bringt. Daf\u00fcr w\u00fcnsche ich mir Traffic und dann logischerweise, dass das dazu geh\u00f6rende Bookazine (ein Mix aus Buch und Magazin \u2013 als E-Book oder gedruckt) viele, viele Kunden findet.<\/p>\n<p>2. Schritt: Es muss schrumpfen.<br \/>\nWeder im Garten noch in der Wirtschaft kann alles immer wachsen. Im Obst- und Gem\u00fcsegarten hat das meist jahreszeitliche Gr\u00fcnde. Nehmen wir gr\u00fcne Bohnen. Bis Ende August gibt es was zu pfl\u00fccken, dann f\u00e4rbt sich die Pflanze braun, verdorrt und landet auf dem Kompost. Claro, in einem frisch angelegten Obstgarten wachsen \u2013 so Gott will \u2013 erst mal alle B\u00e4umchen. Doch sogar die altern. Obstb\u00e4ume, Reben, Johannisbeeren, sie altern und fliegen irgendwann raus.<br \/>\nAuf dem Komposthaufen der Wirtschaftsgeschichte finden sich viele gro\u00dfe Unternehmen: Kodak, Enron, Schlecker, Borgward, Arcandor. Und kleine: Voriges Jahr hat im Nachbarort eine B\u00e4ckerei dicht gemacht. Sie lief pr\u00e4chtig, allerdings hat der B\u00e4ckersmann keinen Nachfolger gehabt. Will sagen: Das mit dem \u201eKomposthaufen\u201c passt prima, denn so ein Kompost ist ja immer die Grundlage f\u00fcr etwas Neues. Der Umsatz des besagten B\u00e4ckers ist ja nicht weg, sondern bei anderen B\u00e4ckern. F\u00fcr Arbeiterinnen und Arbeiter ist eine Pleite immer bitter, oft entsteht allerdings gerade daraus etwas Neues. \u00dcbrigens gibt es Unternehmen, die wollen gar nicht wachsen<strong><sup>2<\/sup><\/strong>. Wenn es denen reicht \u2013 warum nicht.<br \/>\nAber: Wer erinnert sich an den Gr\u00f6faz? Gr\u00f6\u00dften Feldherrn aller Zeiten. Der ist zum Gl\u00fcck tot, der Griz jedoch lebt. Leider. Griz? GrIZ? Gr\u00f6\u00dfter Irrtum aller Zeiten. Der Irrtum ist, es m\u00fcsse ein Wirtschaftswachstum geben. Das dr\u00fcckt sich in der Regel an der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, ohnehin eine fragw\u00fcrdige Kennzahl. Heutzutage verfallen der Mainstream von Politik und Wirtschaft regelrecht in Panik, wenn das Plus nicht deutlich gr\u00f6\u00dfer als 2,0 ist. Ich sage (und viele andere Experten ebenfalls): In einem Garten, einem ausgewachsenen Garten, beziehungsweise einer ausgewachsenen Volkswirtschaft muss am Ende des Jahres unter dem Strich immer \u201eNull\u201c stehen. Nat\u00fcrlich nicht immer 0,00, doch eine -1,5 geht durchaus als rote Null, +1,5 als schwarze Null durch. Sonst stimmt etwas nicht.<br \/>\nEs ist unm\u00f6glich, dass alles immer w\u00e4chst. Ein Blick nach drau\u00dfen, in den Garten m\u00fcsste das doch lehren. Da ist nicht jedes Jahr f\u00fcnf Prozent mehr. Sonst w\u00fcrde doch alles zuwachsen. So ein Garten hat ja schlie\u00dflich Grenzen, ebenso wie die \u00d6konomie, ebenso wie der Planet.<\/p>\n<p>3. Schritt: Ab und zu ein Schnitt, und zwar ein harter.<br \/>\nWenn der Staat wenig in die Wirtschaft eingreift, hei\u00dft das Laissez-faire. Im Garten hie\u00dfe das \u201eLaisser-pousser\u201c \u2013 wachsen lassen. Wachsen lassen geht gar nicht. Nirgendwo. Der G\u00e4rtner muss nun einmal zur\u00fcckschneiden, festbinden, umleiten. Bei B\u00e4umen spricht man vom \u201eErziehungsschnitt\u201c. Wer seinen Rasen nicht mehr m\u00e4ht, muss ja nicht zweimal die Woche sein, hat irgendwann Wiese, dann Geb\u00fcsch, dann Wald. Nennt sich Sukzession. \u00d6kologisch nicht schlecht, aber halt kein Rasen und kein Garten mehr.<br \/>\nIn der Wirtschaft sind ebenfalls ab und an harte Eingriffe n\u00f6tig. Nehmen wir das Thema \u201eUmweltschutz\u201c. Hu! Die Unternehmen w\u00fcrden am liebsten alles auf die Verbraucherin und den Verbraucher abschieben. Christian St\u00f6cker auf Spiegel online<strong><sup>3<\/sup><\/strong> und Maya G\u00f6pel in ihrem Buch argumentieren wunderbar dagegen. Sie nennt es \u201ePrivatisierung des Umweltschutzes\u201c. Geht gar nicht. Die Unternehmen sind verantwortlich! Warum soll ich denn 80 Millionen Konsumenten zu einer bestimmten Verhaltensweise zwingen, wenn ich die f\u00fcnf marktbeherrschenden Einzelhandelsketten (oder nur drei Automobilkonzerne) an einen Tisch bitten und ihnen kr\u00e4ftig auf die Finger klopfen kann.<br \/>\nNeulich \u2013 es war noch Januar \u2013 hat einer dieser Handelskonzerne seinen \u201ePreiskn\u00fcller der Woche\u201c angepriesen: Heidelbeeren. Heidelbeeren! Im Januar! H\u00f6r mir auf! Es hei\u00dft dann immer \u201eDer Kunde will es doch\u201c. Das ist Unsinn, jeder Kunde versteht, dass es im Januar keine Heidelbeeren gibt, es sei denn, man dr\u00e4ngt sie ihm in der Werbung auf. Und zur Not gibt es immer noch TK-Ware. Jener Handelskonzern hat auf seiner Webseite eine fette Rubrik \u201eNachhaltigkeit\u201c. So geht Greenwashing.<\/p>\n<p>4. Schritt: \u00d6kologische Ma\u00dfnahmen<br \/>\nImmer mehr Gartenfreunde stellen ein \u201eBienenhotel\u201c auf. Das hilft den Wildbienen. Immer mehr Gartenfreunde lassen im Herbst Laubhaufen liegen, damit Igel Unterschlupf finden, immer mehr Gartenfreunde verzichten auf alles was mit \u201e\u2026zide\u201c endet und schaffen sich mit einem Kompost eigenen D\u00fcnger.<br \/>\nWenn Unternehmen \u00d6kologie entdecken, muss man genau hinsehen. Von Greenwashing war schon die Rede. Aber: Es gibt Unternehmen, die meinen es wirklich ernst. Mehr dazu findet man zum Beispiel bei Entrepreneurs for Future oder beim Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW).<\/p>\n<p>5. Schritt: Ruhe und Erholung nicht vergessen.<br \/>\nDie wichtigste Funktion eines St\u00fcckchens Land oder eines Gartens (in Stuttgart nennt man den Garten \u201eSt\u00fcckle\u201c) ist die Erzeugung von Lebensmitteln. Selbst im kleinsten Vorgarten ist Platz f\u00fcr einen Johannisbeerstrauch oder ein Apfelb\u00e4umchen. Das zweitwichtigste an einem Garten ist, dass man darin Ruhe und Erholung findet. Kein Garten ohne Liegestuhl und Sitzecke. Wer nicht ab und an den V\u00f6geln zuh\u00f6rt, Bienen beobachtet oder die F\u00fc\u00dfe hochlegt, macht etwas falsch.<br \/>\nAlso \u2013 man kann das nicht ohne weiteres auf den Garten Wirtschaft \u00fcbertragen. In ein Unternehmen geht man nicht, um sich zu erholen. Aber \u2013 eine Parallele gibt es: In der Regel lebt man nicht, um zu arbeiten, man arbeitet, um zu leben, was etwas abgedroschen klingt. Es gibt sicher Zeiten, gro\u00dfer Auftrag, wichtiges Projekt, in denen man mal klotzen kann. Junge Unternehmensberater kokettieren gerne mit der 60-Stunden-Woche. Ein Dauerzustand ist das allerdings nicht, f\u00fcr niemanden. 40 Stunden oder weniger sollten reichen.<\/p>\n<p>So, f\u00fcr den Garten Wirtschaft brauchen wir jetzt noch einen Namen. \u201eOeconomia hortensis\u201c? Klingt gut.<\/p>\n<p>1 Maja G\u00f6pel, \u201eUnsere Welt neu denken\u201c, Ullstein Buchverlage, Berlin 2020, S. 136<\/p>\n<p>2 n-tv.de, 2.02.2022: Wenn Wachstum an seine Grenzen st\u00f6\u00dft<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Wenn-Wachstum-an-seine-Grenzen-stoesst-article23099878.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Wenn-Wachstum-an-seine-Grenzen-stoesst-article23099878.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE<\/a><\/p>\n<p>3 Christian St\u00f6cker bei spiegel.de<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/impressum\/autor-0ab8a756-0001-0003-0000-000000001562\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.spiegel.de\/impressum\/autor-0ab8a756-0001-0003-0000-000000001562<\/a><\/p>\n<p>Empfehlenswert: ein Beitrag von Arte \u00fcber das Wirtschaftswachstum<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/104840-007-A\/brauchen-wir-wirtschaftswachstum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/104840-007-A\/brauchen-wir-wirtschaftswachstum\/<\/a><\/p>\n<p><strong>Foto von Karolina Grabowska von <a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pexels<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Modell f\u00fcr eine zukunftsf\u00e4hige \u00d6konomie.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1094,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1092"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1092"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1092\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1124,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1092\/revisions\/1124"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1094"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1092"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1092"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1092"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}