{"id":309,"date":"2015-08-10T12:50:41","date_gmt":"2015-08-10T10:50:41","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=309"},"modified":"2022-09-05T19:10:27","modified_gmt":"2022-09-05T17:10:27","slug":"gutmenschen-und-weltverbesserer-wehrt-euch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=309","title":{"rendered":"Gutmenschen und Weltverbesserer \u2013 wehrt Euch!"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-311\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_84143526_XS_contrastwerkstatt-150x100.jpg\" alt=\"frau umarmt einen baum mit geschlossenen augen\" width=\"150\" height=\"100\" srcset=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_84143526_XS_contrastwerkstatt-150x100.jpg 150w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_84143526_XS_contrastwerkstatt-300x200.jpg 300w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_84143526_XS_contrastwerkstatt.jpg 424w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Es ist nicht ganz klar,<br \/>\nwas daran schlecht sein soll,<br \/>\n\u201egut\u201c zu sein oder die Welt<br \/>\nverbessern zu wollen.<br \/>\nH\u00f6chste Zeit f\u00fcr klare Worte!<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nGutmensch (1) ist heute in bestimmten Kreisen ein politischer Kampfbegriff f\u00fcr jemanden, der humanistische, altruistische, auch religi\u00f6s-mitmenschliche Lebensziele und Argumente hat. Diesen Kampfbegriff nutzen also Leute, die keine humanistischen, altruistischen oder auch religi\u00f6s-mitmenschlichen Lebensziele und Argumente haben. Diese Leute glauben, \u201eSachargumente\u201c zu haben.<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es noch mehr solcher Kampfbegriffe, zum Beispiel \u201eWeltverbesserer\u201c. Auch sch\u00f6n: &#8222;Gutmenschelei und Dritteweltverbesserertum&#8220;, gefunden ausgerechnet im &#8222;Journalist&#8220; vom Dezember 2015 (2), einem Fachblatt von und f\u00fcr Leute, die mit Sprache eigentlich verantwortungsvoll umgehen m\u00fcssten. Oder &#8222;Bessermenschen&#8220; (zeit.de). Fehlen noch die &#8222;Bestmenschen&#8220;.<\/p>\n<p>Ebenfalls zu dieser Kategorie geh\u00f6rt der Spruch \u201eGut gemeint, ist das Gegenteil von gut\u201c. Sicher, nicht alles was gut gemeint begonnen, endet auch gut. Um daraus aber einen Grundsatz zu machen, muss man schon weit auf dem Holzweg sein. Dagegen sagt ein wirklich kluges lateinisches Sprichwort &#8222;Bonum initium est dimidium facti&#8220; &#8211; Gut begonnen, ist halb gewonnen.<\/p>\n<p>Wer die Begriffe \u201eGutmensch\u201c, \u201eGutmenschentum\u201c und \u201eWeltverbesserer\u201c verwendet, offenbart seine Not und seinen Mangel an guten, ja, besseren Argumenten. Es sind auch Leute, die ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zur Demokratie haben. Denen eine autorit\u00e4re Regierungsform der besseren und leichteren Gesch\u00e4fte wegen lieber ist. Die sich auch bei uns etwas weniger Demokratie w\u00fcnschen. Es ist ihnen ein Gr\u00e4uel, dass bei Gro\u00dfprojekten das Volk gefragt wird. Gegenargumente verunglimpfen sie als \u201ebruddeln\u201c (im Schw\u00e4bischen der Begriff f\u00fcr eine bestimmte Form des Schimpfens). Folglich lautete ein Schlachtruf der S-21-Bef\u00fcrworter in Stuttgart: \u201eBuddeln statt bruddeln\u201c.<\/p>\n<p>Es sind aber auch schwache Leute, die diese Begriffe verwenden, Leute, die aufgegeben haben, Positives in der Welt zu bewirken.<br \/>\nDenn die \u201eWelt zu verbessern\u201c klingt nach so gigantischer Aufgabe, dass es l\u00e4cherlich scheint, wenn der Einzelne hier etwas bewirken will.<br \/>\nAber: Das Wesen des Wortes \u201eWeltverbesserer\u201c h\u00e4ngt tats\u00e4chlich eng mit dem Wesen der Demokratie zusammen. Auch in der Demokratie gibt es Leute, die nicht zur Wahl gehen, weil sie meinen, ihre einzelne Stimme k\u00f6nne sowieso nichts bewirken. Sie haben die Demokratie nicht verstanden. Die Stimme des Einzelnen soll ja auch gar nichts bewirken (h\u00f6chstens als Z\u00fcnglein an der Waage). Es ist die Mehrheit, die etwas bewirken soll! Der Gedanke, ein Einzelner solle etwas bewirken k\u00f6nnen, f\u00fchrt letztlich in die Diktatur. Die einzelne Stimme z\u00e4hlt nur ein Sechzigmillionstel, so viele Wahlberechtigte es in Deutschland eben gibt. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck! Denn die M\u00f6glichkeit etwas ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen, schlie\u00dft ja auch die Verantwortung daf\u00fcr ein (au\u00dfer in der Diktatur).<\/p>\n<p>So ist das mit der Verbesserung der Welt. Wir sind alle dazu aufgerufen, wir sind alle f\u00fcr die Welt verantwortlich. Nur betr\u00e4gt die Verantwortung des Einzelnen ein Siebenmilliardstel, so viele Menschen es auf der Erde eben gibt. Soll nun keiner sagen, diesen scheinbar winzigen Beitrag k\u00f6nne er nicht leisten. Kein Mensch muss alleine die Kraft aufbringen, die Welt zu verbessern, das w\u00e4re in der Tat l\u00e4cherlich.<br \/>\nNoch l\u00e4cherlicher wirkt das Ganze im gro\u00dfen Ma\u00dfstab. Wer behauptet, Deutschland sei f\u00fcr \u201enur\u201c zwei Prozent der globalen CO<sub>2<\/sub>-Emissionen verantwortlich, also bringe eine Ma\u00dfnahme wie das Tempolimit so wenig, dass es sich nicht lohne, ist auch auf dem Holzweg. Deutschland hat ungef\u00e4hr 81 Millionen Siebenmilliardstel der Verantwortung f\u00fcr diese Erde, sprich, etwa sieben Prozent. Dieser Verantwortung f\u00fcr die Erde sollten hierzulande alle gerecht werden, gerade in einem Land, das so viele helle K\u00f6pfe und so viele herausragenden technologischen F\u00e4higkeiten hat.<\/p>\n<p>Ganz speziell ist der Begriff \u201eWeltretter\u201c, bzw. \u201eKlimaretter\u201c. Auch das sind Kampfbegriffe derjenigen, die beispielsweise die \u201eFridays-for-Future\u201c-oder die \u201eScientists-for-Future\u201c-Bewegung (3) diskreditieren wollen. Mitglieder dieser beiden Bewegungen bezeichnen sich ja eher selten als \u201eWeltretter\u201c. Aber die \u201eWeltrettung\u201c ist auch hier eng mit dem Begriff der Demokratie verbunden.<br \/>\nEs kommt auf jeden Einzelnen an, aber der Einzelne ist nicht entscheidend.<\/p>\n<p>Entscheidend ist nicht das individuelle Verhalten, sondern die F\u00e4higkeit, aus den Anliegen Einzelner eine Bewegung zu formen. Nennt sich Partei. Steht im Grundgesetz. Aber auch eine B\u00fcrgerinitiative, eine Online-Petition oder ein Flashmob kann z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Angenommen, jemand findet, es gebe zu viel Plastik (4) und will den Kampf dagegen aufnehmen. Er\/Sie\/Es gr\u00fcndet eine Partei, die APP (Anti-Plastik-Partei), wird in das Parlament gew\u00e4hlt und nimmt so Einfluss auf eine Gesetzgebung, die Plastik reduziert. Das ist dann eine Leistung, die viel mehr bewirkt, als es individuelles Verhalten jemals k\u00f6nnte (Stichwort: \u201ePlastikverzicht\u201c).<\/p>\n<p>Leider ist es oft so, dass diejenigen, die das Wort \u201eGutmensch\u201c als Kampfbegriff nutzen, stark auf das individuelle Verhalten abzielen. K\u00fcrzlich brachte eine Lokalzeitung ein Interview mit zwei Fridays-for-Future-Aktivistinnen. Die erste Frage lautete tats\u00e4chlich: \u201eWann seid Ihr zuletzt geflogen?\u201c<br \/>\nDer Interviewer hat somit die Sachebene verlassen und zielt auf das individuelle Verhalten, die Person, ab. Das ist h\u00f6chst unfair (vielleicht war es gar keine Absicht, was es nicht besser macht)\u00b4enerell unfair ist die Neid-Keule. Fliegt man &#8211; dann hei\u00dft es, &#8222;Du doch auch&#8220;, fliegt man nicht, hei\u00dft es &#8222;Du bist doch nur neidisch \/ Du kannst es Dir nicht leisten&#8220;.<\/p>\n<p>Christan St\u00f6cker sagt dazu treffend: \u201eEs ist egal, ob Greta fliegt\u201c (5).<\/p>\n<p>Noch treffender sagt es der Spezialist f\u00fcr Erneuerbare Energie und Professor an der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (6). Individuelles Verhalten und pers\u00f6nliches Engagement bringen fast nichts, Politik und Gesellschaft sind gefragt (und Unternehmen, wenn ich das erg\u00e4nzen darf)\u00a0 \u2013 alles andere sei Ablenkung.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft funktioniert hier wie ein Spiel, bei dem eigentlich alle, die hier leben, mitmachen m\u00fcssen. &#8222;Aussteiger&#8220; oder Game Changer sind selten. Es geht darum, die Regeln zu \u00e4ndern. Das kann ich nicht alleine. Das ist ein demokratischer Prozess. Es ist schwierig, wenn einzelne oder wenige nach eigenen Regeln spielen. Gefragt sind Mehrheiten, um die Regeln zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Was diese Erde daher braucht, sind viele Weltretter, Weltverbesserer und Gutmenschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 Gutmensch &#8211; die Definition bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gutmensch\">Wikipedia<\/a><\/p>\n<p>2 im Beitrag \u00fcber das erste deutschsprachige Nachrichtenportal \u00fcber Journalismus<br \/>\naus <a href=\"https:\/\/journafrica.de\/\">Afrika<\/a> &#8211; mit guten Geschichten aus erster Hand<\/p>\n<p>3 Wikipedia-Eintrag \u201eScientists for Future\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scientists_for_Future\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scientists_for_Future<br \/>\n<\/a><a href=\"https:\/\/www.scientists4future.org\/\">https:\/\/www.scientists4future.org\/<br \/>\n<\/a><a href=\"https:\/\/fridaysforfuture.de\/\">https:\/\/fridaysforfuture.de\/<\/a><\/p>\n<p>4 \u201e<strong>500 Frachtcontainer pro Tag<\/strong> Studie zu Plastikm\u00fcll im Mittelmeer\u201c<br \/>\nKStA, 27.10.2020<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.ksta.de\/panorama\/500-frachtcontainer-pro-tag-studie-zu-plastikmuell-im-mittelmeer-37543524\">https:\/\/www.ksta.de\/panorama\/500-frachtcontainer-pro-tag-studie-zu-plastikmuell-im-mittelmeer-37543524<\/a><\/p>\n<p>5 \u201eSie schaffen das, aber nicht allein\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/umwelt-das-beste-fuers-klima-zu-tun-ist-ganz-einfach-kommentar-a-1268027.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/umwelt-das-beste-fuers-klima-zu-tun-ist-ganz-einfach-kommentar-a-1268027.html<\/a><\/p>\n<p>6 Klimaschutz \u2013 was bringt pers\u00f6nliches Engagement<br \/>\nInterview mit Prof. J\u00fcrg Rohrer<br \/>\ndeutschlandfunk, 29.11.2021 (Umwelt &amp; Verbraucher, 11.35 Uhr)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/umwelt-und-verbraucher-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/umwelt-und-verbraucher-100.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachtrag im Januar 2016:<br \/>\nNa endlich &#8211; Gutmensch ist <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2016\/01\/12\/pauschale-diffamierung-von-toleranz-und-hilfsbereitschaft-gutmensch-ist-unwort-des-jahres-2015\/?utm_campaign=NEWSLETTER_MITTAG&amp;utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email\">Unwort des Jahres<\/a>!<\/p>\n<p>Den Text habe ich mehrfach aktualisiert &#8211; zuletzt am 5.09.2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht ganz klar, was daran schlecht sein soll, \u201egut\u201c zu sein oder die Welt verbessern zu wollen. 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