{"id":355,"date":"2015-10-08T12:34:36","date_gmt":"2015-10-08T10:34:36","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=355"},"modified":"2016-03-21T19:12:16","modified_gmt":"2016-03-21T17:12:16","slug":"der-handlanger-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=355","title":{"rendered":"Der Handlanger ist tot"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-356\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fotolia_89752477_XS_astrosystem-150x100.jpg\" alt=\"Protective construction helmet.\" width=\"150\" height=\"100\" srcset=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fotolia_89752477_XS_astrosystem-150x100.jpg 150w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fotolia_89752477_XS_astrosystem-300x200.jpg 300w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fotolia_89752477_XS_astrosystem.jpg 424w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Der Handlanger, also ein Mensch, der einfache, schnell<br \/>\nanzulernende T\u00e4tigkeiten verrichtet, ist quasi tot.<br \/>\nZumindest in dieser Wirtschaft nicht mehr gefragt<br \/>\nund fast nicht mehr anzutreffen.<br \/>\nDas wird sich r\u00e4chen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nMenschen haben in der Wirtschaft eine wichtige Rolle gespielt. Das tun sie immer noch.<br \/>\nOben.<br \/>\nUnten und ganz unten \u2013 weit und breit fast niemand mehr.<br \/>\nNoch bis vor kurzem, sagen wir bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, fanden unten Heerscharen von Arbeitern, angelernten und ungelernten, Dienstboten und Handlangern (im urspr\u00fcnglichen Sinne als ungelernte Hilfskraft) ihr Auskommen.<br \/>\nMan nennt sie auch heute noch \u201eTellerw\u00e4scher\u201c.<br \/>\nNach und nach haben Automaten, nicht nur Sp\u00fclmaschinen, ihren Platz eingenommen.<br \/>\nHandlanger, einfache, angelernte Arbeiter, Tellerw\u00e4scher und Hilfskr\u00e4fte, Jobber sind nahezu ausgestorben.<br \/>\nDer Begriff \u201eTellerw\u00e4scher\u201c spukt zwar heute noch in den K\u00f6pfen herum, weil er einmal als Startpunkt in eine bessere Zukunft galt: \u201eVom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r\u201c. Die Realit\u00e4t ist heute, dass die Aufstiegschancen f\u00fcr \u201eTellerw\u00e4scher\u201c (gerade in den USA) gleich Null sind, die Aussicht, \u00fcberhaupt einen Job als \u201eTellerw\u00e4scher\u201c zu bekommen, ebenso.<br \/>\nBeispiel 1, die Automobilindustrie. Angesichts der Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, die uns dieser Tage erreichen, erinnern sich viele an die Str\u00f6me von sogenannten \u201eGastarbeitern\u201c, welche, grob gesagt, zwischen 1960 und 1970 Deutschland erreicht haben. Die meisten von ihnen hat die Industrie integriert, durch Arbeit, vor allem in der Automobilbranche.<br \/>\nUnd zwar auch die, die nicht viel konnten, also im heutigen Sinne \u201egering qualifiziert\u201c waren, die keine Ausbildung hatten, ja nicht einmal Deutsch beherrschten. Egal. Wichtig war, dass sie zupacken konnten. Das konnten sie und daf\u00fcr gab es ordentliche L\u00f6hne. Selbst f\u00fcr ganz einfache Dienstleistungen wie das Vesperholen gab es Leute, die \u201ebeim Daimler\u201c in Untert\u00fcrkheim arbeiteten und nicht f\u00fcr Caterer.<br \/>\nVorbei. Auch das Autobauen ist eine T\u00e4tigkeit f\u00fcr Highpotentials geworden. Als BMW und Porsche ihre neuen Werke in Ostdeutschland gebaut haben und \u201eArbeiter\u201c suchten, war zweierlei bemerkenswert: zum einen die unglaubliche Zahl von Bewerbungen, zum anderen die Anforderungen an die Qualifikation der k\u00fcnftigen Mitarbeiter. Genommen wurden nur sehr gute Facharbeiter, also mit abgeschlossener Berufsausbildung. Das mag einerseits der T\u00e4tigkeit geschuldet sein, andererseits konnte man sich die Leute ja aussuchen.<br \/>\nHeute fehlt die integrierende Kraft der Industrie.<br \/>\nUnd genau das wird sich r\u00e4chen.<br \/>\nViele der M\u00e4nner und Frauen, die dieser Tage zu uns kommen suchen nicht nur Schutz.<br \/>\nSie suchen Arbeit.<br \/>\nAlso sollten wir auch nicht so tun, als ob es arme Asylanten w\u00e4ren, die nur dar\u00fcber froh sein sollen, dass sie in Sicherheit sind.<br \/>\nSie brauchen Arbeit.<br \/>\nWir brauchen Arbeit.<br \/>\nWir brauchen Arbeitspl\u00e4tze.<br \/>\nWir brauchen Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr einfache Verrichtungen.<br \/>\nWir haben nicht die Zeit, auch nur einen Teil der Menschen auf das Bildungsniveau eines gehobenen Facharbeiters zu bringen.<br \/>\nDenn die Integration von Fl\u00fcchtlingen in den Arbeitsmarkt sei ein langwieriges Unterfangen, schreibt das Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (<a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/aktuell\/2015\/aktueller_bericht_1514.pdf\">IAB<\/a>). Erst 15 Jahre nach dem Zuzug lie\u00dfen sich keine Unterschiede zu anderen Gruppen mehr feststellen.<br \/>\nAu\u00dferdem: F\u00fcr die Zuwanderer gibt es immer noch reichlich einheimische Konkurrenz. Als Opel das Werk in Bochum schloss, fanden sich 3300 Leute auf der Stra\u00dfe bzw. in einer Transfergesellschaft wieder. Von denen haben knapp ein Jahr sp\u00e4ter nur 250 wieder eine Arbeit, wobei der Begriff \u201eArbeit\u201c sehr ausgeweitet wurde.<br \/>\nManche meinen, dass die Leute noch zu viel verdienen und daher nicht bereit seien, eine weniger gut bezahlte T\u00e4tigkeit anzunehmen. Das ist in einer Wirtschaftsordnung, die sich v\u00f6llig dem Wachstum unterworfen hat, ein etwas exotisches Argument. Denn auch der Arbeiter ist (mit gutem Recht) bestrebt, mehr zu wollen und seinen Lohn wachsen zu sehen.<br \/>\nBeispiel 2, Bahn und Post. Ohne diesen dynamischen, innovativen und an die B\u00f6rse strebenden High-Service-Konzernen zu nahe treten zu wollen: Sie waren fr\u00fcher so ein kleines Refugium f\u00fcr diejenigen, die es sonst schwer hatten, einen Arbeitsplatz zu finden. Aber die Bundesbahn (bis 1993) und die Bundespost waren ja Staatsbetriebe, denen F\u00fcrsorge vielleicht wichtiger war als Rendite.<br \/>\nHier fanden viele einfache Leute einen sicheren Arbeitsplatz. Die Bundesbahn und die Reichsbahn der DDR hatten zusammen rund 600.000 Besch\u00e4ftigte, die Deutsche Bahn AG heute nur rund die H\u00e4lfte, bei enorm gesteigerter Transportleistung.<br \/>\nDie Spur der Vernichtung einfacher Arbeiten finden sich an allen Bahnh\u00f6fen: Fahrkartenautomaten. Wobei mittlerweile auch der Automat seine Arbeit verliert, weil das Online-Ticket nun wirklich eine angenehme Art der Fahrkartenbeschaffung ist.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-357\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/galoppwechsler-wikipedia-150x120.jpeg\" alt=\"galoppwechsler-wikipedia\" width=\"150\" height=\"120\" srcset=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/galoppwechsler-wikipedia-150x120.jpeg 150w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/galoppwechsler-wikipedia-300x240.jpeg 300w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/galoppwechsler-wikipedia-1024x819.jpeg 1024w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/galoppwechsler-wikipedia-624x499.jpeg 624w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/galoppwechsler-wikipedia.jpeg 1067w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Allerdings hat der Verfasser noch vor kurzem erlebt, dass auch Menschen Fahrkarten verkaufen. Als eine Gro\u00dfveranstaltung der Messe N\u00fcrnberg zu Ende ging, str\u00f6mten die Leute zum Bahnhof, wo sie von \u00e4lteren, uniformierten Herren Fahrkarten erstehen konnten. Die Bediensteten der Verkehrsbetriebe waren auch tats\u00e4chlich noch mit einem sogenannten Galoppwechsler ausgestattet, ein M\u00fcnzmagazin, das es erlaubt, Wechselgeld schnell abzuz\u00e4hlen (siehe Abbildung). Haupts\u00e4chlich ist es heute ein Museumsgegenstand.<br \/>\n\u00dcbrigens waren die N\u00fcrnberger Verkehrsbetriebe die ersten, die seit 2008 dauerhaft eine fahrerlose U-Bahn einsetzen.<br \/>\nDas zeigt, dass auch die Dienstleistungsbranche kaum in der Lage ist, eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Arbeitssuchenden aufzunehmen. Zwar florierten beispielsweise Paketdienste und der gesamte Logistikbereich, allerdings ist hier der Lohndruck auch enorm, bis der Mindestlohn f\u00fcr Erleichterung (bei den Arbeitnehmern) sorgte.<br \/>\nEin interessanter Gedanke ist, den Mindestlohn von derzeit 8,50 Euro f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge zu senken. Vielleicht finden dann mehr Menschen schnell Arbeit, wobei ja auch 8,50 Euro zumindest in den Metropolen kaum zum Leben reichen und eine Untergrenze dennoch festgelegt werden m\u00fcsste, um Ausbeutung zu verhindern.<br \/>\nNoch ein kleiner Erinnerungsschnipsel aus dem Arbeitsleben des durchaus noch jungen Verfassers: Es gab bei dem Zeitungsverlag, bei dem er einmal angestellt war, tats\u00e4chlich noch einen B\u00fcroboten, einer von tausenden in deutschen B\u00fcros. Dieser nicht mehr so junge Mann trug Texte und Bilder durch das Redaktionsgeb\u00e4ude. Nach seiner Pensionierung wurde die T\u00e4tigkeit wahrscheinlich von der Rohrpost, dem Vorl\u00e4ufer der E-Mail :-), \u00fcbernommen.<br \/>\nBeispiel 3, die Landwirtschaft. Der prim\u00e4re Sektor ist das klassische Einsatzgebiet von angelernten Hilfskr\u00e4ften, weil es hier Saisonarbeit gibt, das hei\u00dft Erntezeit. Aber: Hier ist schon fast alles belegt (Marokkaner in den spanischen Tomatenfeldern, Polen und Rum\u00e4nen in den deutschen Gurkenfeldern etc.) oder mechanisiert.<br \/>\nUnd zwar gr\u00fcndlich mechanisiert. Kein anderer Sektor ist so von Maschinen durchdrungen wie die Landwirtschaft. Es gibt M\u00e4hdrescher mit einer Arbeitsbreite von 12,50 Metern, die in einer Stunde f\u00fcnf Hektar Getreide schaffen. In nur zwei Generationen (also im Vergleich zu meinem Gro\u00dfvater, den ich ja gut kannte und wusste wie er arbeitet) hat sich die Produktivit\u00e4t sch\u00e4tzungsweise vertausendfacht (bei Annahme, mein Opa schaffte in der Sommerhitze mit der Sense ein Ar pro Stunde, was aber nur die H\u00e4lfte der Arbeit ist, da die Halme noch gebunden und die \u00c4hren gedroschen werden).<br \/>\nWenn man Gr\u00f6\u00dfe nicht nur positiv sehen will, kann man sich jetzt dar\u00fcber beklagen, dass die Maschinenmonster weder auf Feldwege noch auf Stra\u00dfen passen, den Ackerboden plattwalzen und so teuer sind, dass sie die Landwirte fast zwangsl\u00e4ufig ruinieren.<br \/>\nUnd man kann sich dar\u00fcber beklagen, dass sie dem Handlanger den Garaus gemacht haben, bis hin zum letzten Spargelstecher.<br \/>\nMan kann das positiv sehen. Die Menschen m\u00fcssen nicht mehr schwere und schlecht bezahlte T\u00e4tigkeiten verrichten, sie k\u00f6nnen sich qualifizierteren Arbeiten zuwenden.<br \/>\nDer Punkt ist: Nicht alle wollen und k\u00f6nnen das. Das zeigt sich schon heute an der Arbeitslosenstatistik. Es gibt eben einen bestimmten Prozentsatz an Menschen, die nicht zu h\u00f6herer Qualifikation berufen sind und die einfach nur einen Job wollen.<br \/>\nDazu z\u00e4hlen wohl zun\u00e4chst auch viele der jetzt eintreffenden Fl\u00fcchtlinge.<br \/>\nUnd das ist gut so. Ich will weder meinen M\u00fcll entsorgen, noch meine Erdbeeren selber pfl\u00fccken.<br \/>\nIch will mich auch nicht zum Bauexperten fortbilden. Wenn ich auf einer Baustelle bin, freue ich mich dar\u00fcber, wenn mir jemand sagt was ich tun kann. Hier bin ich dann gerne der Handlanger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Handlanger, also ein Mensch, der einfache, schnell anzulernende T\u00e4tigkeiten verrichtet, ist quasi tot. 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