{"id":421,"date":"2016-02-01T16:33:07","date_gmt":"2016-02-01T14:33:07","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=421"},"modified":"2016-02-05T11:31:16","modified_gmt":"2016-02-05T09:31:16","slug":"575-euro-fuer-salih","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=421","title":{"rendered":"5,75 Euro f\u00fcr Salih"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-422\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fotolia_80816400_XS_WoGi-150x109.jpg\" alt=\"sm kisten schleppen I\" width=\"150\" height=\"109\" srcset=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fotolia_80816400_XS_WoGi-150x109.jpg 150w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fotolia_80816400_XS_WoGi-300x218.jpg 300w, http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fotolia_80816400_XS_WoGi.jpg 406w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Der Mindestlohn (fast) ohne Ausnahmen<br \/>\nhat die Lebensbedingungen vieler Menschen<br \/>\n(wie geplant) verbessert. \u00dcber Ausnahmen<br \/>\nsollten wir jetzt wieder dringend nachdenken:<br \/>\nAusnahmen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nNicht nur f\u00fcr Salih, 32, der aus Syrien (Name von der Redaktion ge\u00e4ndert) nach Deutschland kam, hat sich das Leben dramatisch ver\u00e4ndert. Nein, f\u00fcr uns alle. Millionen neue Nachbarn, Millionen neue Bewerber um einen Arbeitsplatz. Das ist f\u00fcr jeden einzelnen und f\u00fcr die Volkswirtschaft als Ganzes eine echte Herausforderung.<\/p>\n<p>Denn bereits jetzt finden rund drei Millionen<sup>1<\/sup> Menschen in Deutschland keine Arbeit. Zu den drei Millionen kommt nun eine weitere Million hinzu: Fl\u00fcchtlinge. Zwar gibt es grunds\u00e4tzlich Anlass, diese Menschen auch aus volkswirtschaftlichen Gr\u00fcnden willkommen zu hei\u00dfen, weil hier ein gewisses Potenzial steckt, zwei gro\u00dfe Probleme der deutschen Wirtschaft zu lindern: a) das demographische Problem, b) das Problem des sogenannten Fachkr\u00e4ftemangels.<\/p>\n<p>Derzeit sieht es aber danach aus, als ob das Gros der Fl\u00fcchtlinge zun\u00e4chst nur f\u00fcr einfache T\u00e4tigkeiten qualifiziert w\u00e4re. Somit steigt einerseits die Nachfrage nach solchen T\u00e4tigkeiten enorm, andererseits ist das Angebot an einfachen T\u00e4tigkeiten in unserer hochkomplexen und spezialisierten Volkswirtschaft gering, mit sinkender Tendenz<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<p>Theoretisch w\u00fcrde bei einem \u00dcberangebot an Arbeitskr\u00e4ften der Preis der Arbeit, also der Lohn, sinken. Um das zu verhindern gibt es in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und den USA einen Mindestlohn, zuletzt auch in Deutschland mit 8,50 Euro pro Stunde. Wer den Roman \u201eFr\u00fcchte des Zorns\u201c von John Steinbeck kennt<sup>3<\/sup>, wei\u00df, dass ein dem Markt \u00fcberlassenes Lohnniveau zur Verelendung gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Teile der Gesellschaft, beispielsweise Arbeitgeber, Bauern und viele \u00d6konomen wie z. B. Hans-Werner Sinn, haben den Mindestlohn<sup>4<\/sup> vehement abgelehnt. Sie f\u00fcrchteten eine Verteuerung der Arbeit und den Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen, was weitgehend ausgeblieben ist. Ausnahmen vom Mindestlohn forderten viele, gew\u00e4hrt wurden sie wenigen, unter anderen als \u00dcbergangsl\u00f6sung den Bauern. Nat\u00fcrlich gilt: Je mehr Ausnahmen, desto sinnloser der Mindestlohn.<\/p>\n<p>Nun gibt es eine neue Diskussion \u00fcber eine gro\u00dfe Ausnahme: eine Ausnahme f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Es handelt sich ja auch um eine politisch-historische Ausnahmesituation.<\/p>\n<p>Mit den Fl\u00fcchtlingen ist ein neues Argument hinzugekommen. Bisher sollte der Mindestlohn nur ein bestimmtes Existenzniveau sichern, jetzt soll die Integration erleichtern. Genau genommen ist es sogar so, dass ein Arbeitsplatz der wichtigste Integrationsfaktor \u00fcberhaupt ist, die Fl\u00fcchtlinge an der Sicherung des Lebensunterhalts beteiligt und ihnen dadurch auch W\u00fcrde gibt.<\/p>\n<p>Eine Ausnahme vom Mindestlohn hat Konsequenzen f\u00fcr Arbeitgeber, f\u00fcr die \u201eeinheimischen\u201c Arbeitslosen und f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge selbst.<\/p>\n<p>Den Arbeitgebern, also den Unternehmen, waren bisher schon 8,50 Euro unter Umst\u00e4nden zu viel. Wobei der Mindestlohn auch h\u00f6her sein kann: Der Personalleiter eines Automobilzulieferers berichtete vor kurzem, er habe zwei Fl\u00fcchtlinge als Produktionshelfer einstellen wollen. Die Agentur f\u00fcr Arbeit hat dem Betrieb, der in Baden-W\u00fcrttemberg angesiedelt ist, einen Mindestlohn von 11,50 Euro vorgeschrieben. Die Agentur f\u00fcr Arbeit teilte dazu mit, es handle sich unabh\u00e4ngig vom Einzelfall, um den orts\u00fcblichen Lohn bzw. das orts\u00fcbliche Arbeitsentgelt. Damit solle Sorge getragen werden, dass es zu keinerlei Ungerechtigkeit kommt und Arbeitgeber nur den Mindestlohn zahlen, wenn der Lohn eigentlich orts\u00fcblich h\u00f6her w\u00e4re. Es diene also dem Schutz der Fl\u00fcchtlinge und anderer, die sich um die Arbeitspl\u00e4tze bewerben. Also 11,50 Euro. Der Personalleiter sagt, er k\u00f6nne f\u00fcr eine ganz einfache T\u00e4tigkeit in der Produktion, keine 11,50 Euro bezahlen, das sei f\u00fcr einen kleinen Mittelst\u00e4ndler zu viel \u2013 es w\u00fcrde auch zu erheblichem Unmut bei allen in der Produktion besch\u00e4ftigten f\u00fchren. Damit ist klar: f\u00fcr 11,50 oder 8,50 Euro, wobei das ja nur ein Teil der Arbeitskosten ist, wird kein Betrieb einen Fl\u00fcchtling einstellen.<\/p>\n<p>Unklar ist, wo die Schwelle liegt, von der an Fl\u00fcchtlinge Arbeit finden. Mal angenommen, wir w\u00fcrden die H\u00e4lfte des besonders hohen Niveaus in Baden-W\u00fcrttemberg ansetzen, also 5,75 Euro. Damit k\u00e4me man den Arbeitgebern, ohne die es nicht geht, weit entgegen und k\u00f6nnte im Gegenzug viele neue Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge erwarten. W\u00e4re das nicht der Fall, bleibt immer noch die Idee einer Quote<sup>5<\/sup>.<\/p>\n<p>Um die Unklarheit zu beseitigen, sollte man es einfach mal mit dieser Ausnahme vom Mindestlohn versuchen! Mal sehen was passiert und wenn es nicht gut ist, rudern wir zur\u00fcck, was im \u00dcbrigen auch keine Schande w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auch wenn die Arbeitgeber jammern \u2013 die dramatischsten Konsequenzen dieser Ma\u00dfnahme tragen vermutlich die hiesigen Arbeitslosen, gewisserma\u00dfen die \u201eAltarbeitslosen\u201c. Sie schl\u00fcgen mit 8,50 Euro zu buche, Fl\u00fcchtlinge mit 5,75 Euro. Deutsche Arbeitslose haben in der Regel immer noch den Vorteil der Sprache, der ihnen bisher aber nichts gen\u00fctzt hat. Was es f\u00fcr den sozialen Frieden bedeutet, wenn die Lohnunterschiede bleiben, Fl\u00fcchtlinge also scheinbar besser gestellt sind, oder wenn der Mindestlohn generell f\u00fcr alle auf 5,75 Euro gesenkt w\u00fcrde, liegt in der Zukunft. Wobei die Gewerkschaften gerade von einer Erh\u00f6hung auf neun oder zehn Euro reden. Volkswirtschaftler argumentieren, die Nachfrage (der Unternehmen) nach Arbeit steigt, wenn die Kosten f\u00fcr die Arbeit sinken. Vielleicht hatte ein ausnahmsweise niedriger Mindestlohn f\u00fcr alle sein Gutes. Als gute Europ\u00e4er weisen wir schlie\u00dflich auch darauf hin, dass nur in Deutschland so etwas \u00e4hnliches wie \u201eVollbesch\u00e4ftigung\u201c herrscht, wenn man das bei drei Millionen Arbeitslosen so nennen will, ohne rot zu werden. In anderen L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union ist Arbeitslosigkeit zum Teil ein Riesenproblem, vor allem unter jungen Leuten. Die Quote in Griechenland und Spanien betr\u00e4gt sogar \u00fcber 20 Prozent. Den Zustrom frischer Arbeitskr\u00e4fte sehen die dortigen Arbeitssuchenden eher mit gemischten Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p>Bleiben schlie\u00dflich die Konsequenzen f\u00fcr Salih. Wenn er zum halben Satz pro Stunde arbeiten w\u00fcrde, h\u00e4tte er 5,75 Euro in der Stunde, 46 Euro pro Tag und 920 Euro im Monat, brutto. In Syrien betr\u00e4gt das Durchschnittseinkommen 237 Euro<sup>6<\/sup> (wahrscheinlich zu Friedenszeiten).<br \/>\nSalih k\u00f6nnte sich freuen.<br \/>\n1 Bundesagentur f\u00fcr Arbeit, Dezember 2015<br \/>\n<a href=\"http:\/\/statistik.arbeitsagentur.de\/\">http:\/\/statistik.arbeitsagentur.de\/<br \/>\n<\/a>2 Der Handlanger ist tot<br \/>\n<a href=\"http:\/\/zabota.de\/?p=355\">http:\/\/zabota.de\/?p=355<br \/>\n<\/a>3 Fr\u00fcchte des Zorns<br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fr%C3%BCchte_des_Zorns\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fr%C3%BCchte_des_Zorns<\/a><br \/>\n4 Mindeslohnkatastrophe<br \/>\n<a href=\"http:\/\/zabota.de\/?p=126#more-126\">http:\/\/zabota.de\/?p=126#more-126<\/a><br \/>\n5 Wie w\u00e4re es mit einer Fl\u00fcchtlingsquote?<br \/>\n<a href=\"http:\/\/zabota.de\/?p=180#more-180\">http:\/\/zabota.de\/?p=180#more-180<\/a><br \/>\n6 L\u00e4nderdaten Syrien<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.laenderdaten.info\/durchschnittseinkommen.php\">http:\/\/www.laenderdaten.info\/durchschnittseinkommen.php<\/a><\/p>\n<p>Zum selben Thema: die FAZ<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/uebertragung-von-mindestlohn-ausnahmen-auf-fluechtlinge-13929123.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/uebertragung-von-mindestlohn-ausnahmen-auf-fluechtlinge-13929123.html<\/a><\/p>\n<p>PS vom 2.02.2016:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/infodienste\/iw-kurzberichte\/beitrag\/fluechtlinge-folgen-fuer-arbeitsmarkt-und-staatsfinanzen-263939\">Das IW sch\u00e4tzt, dass 2017 rund 276.000 Fl\u00fcchtlinge erwerbst\u00e4tig sein werden.<\/a><br \/>\nPS vom 4.02.2016:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/ig-metall-will-integrationsjahr-modell-fuer-fluechtlinge-14051954.html\">Die IG Metall schl\u00e4gt Integrationsjahr f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vor.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mindestlohn (fast) ohne Ausnahmen hat die Lebensbedingungen vieler Menschen (wie geplant) verbessert. \u00dcber Ausnahmen sollten wir jetzt wieder dringend nachdenken: Ausnahmen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[95,38,94,16],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/421"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=421"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/421\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":428,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/421\/revisions\/428"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=421"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=421"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=421"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}