{"id":647,"date":"2017-11-03T12:44:42","date_gmt":"2017-11-03T10:44:42","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=647"},"modified":"2017-11-03T12:51:26","modified_gmt":"2017-11-03T10:51:26","slug":"das-kalte-herz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=647","title":{"rendered":"Das kalte Herz"},"content":{"rendered":"<p>Die Neuinterpretation eines alten M\u00e4rchens.<br \/>\nAktuell etwas anders.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-thumbnail wp-image-653\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fotolia_135605606_XS_yarlander_klein-150x147.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"147\" \/><\/p>\n<p>\u201eDas kalte Herz\u201c ist ein M\u00e4rchen von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1827. Die zentrale Figur darin ist Peter Munk, von Beruf K\u00f6hler, daher \u201eKohlenmunk\u2018s Peter\u201c.<br \/>\nKurz erz\u00e4hlt geht die Geschichte so: Peter tr\u00e4umt von Geld und Ansehen<sup>1<\/sup>. In seiner Not ist er schlie\u00dflich bereit, dem Holl\u00e4nder Michel, der f\u00fcr das B\u00f6se steht, sein Herz zu verpf\u00e4nden. Daf\u00fcr erh\u00e4lt Peter das Gew\u00fcnschte, aber auch ein Herz aus Stein \u2013 das kalte Herz. Durch Reue und Umkehr gelingt es ihm gerade noch, sich aus den F\u00e4ngen des B\u00f6sen zu befreien und alles zu Guten zu wenden.<\/p>\n<p>Alles gut?<br \/>\nGanz und gar nicht.<\/p>\n<p>Als die Wurzel des B\u00f6sen erscheint in diesem M\u00e4rchen der Wunsch des K\u00f6hlers nach Geld und Ansehen. Schade, dass Hauff diesen Wunsch total delegitimiert.<br \/>\nSchon richtig \u2013 wir leben in einer Zeit, in der das \u00fcberm\u00e4\u00dfige Streben nach materiellem Besitz, ja Gier, einiges an \u00dcbel hervorgebracht hat. Aber es gibt auch heute noch Millionen, die vor Hunger nicht einschlafen. Es grenzt aus heutiger Sicht an Zynismus, dass Hauff f\u00fcr die Armen, zu denen damals auch die K\u00f6hler z\u00e4hlten, keine andere Botschaft parat hat, als \u201eSchuster bleib\u2018 bei Deinen Leisten\u201c, beziehungsweise \u201eK\u00f6hler bleib\u2018 bei Deinem Meiler\u201c.<br \/>\nTats\u00e4chlich verh\u00e4lt es sich doch so: Der Wunsch nach Geld und Ansehen ist f\u00fcr jemanden wie Kohlenmunk\u2019s Peter vollkommen gerechtfertigt. Es ist eigentlich das was wir heute als soziale Teilhabe bezeichnen. Ganz abgesehen von der Befriedigung der materiellen Grundbed\u00fcrfnisse, Nahrung, Kleidung, Wohnen.<br \/>\nF\u00fcr viele ist das ganz und gar nicht selbstverst\u00e4ndlich. Damals wie heute.<\/p>\n<p>Damals z\u00e4hlten die K\u00f6hler zu den am wenigsten angesehenen Berufen. Am Samstagabend auf dem Dorfplatz zum Tanz zu gehen, der gro\u00dfe und eigentlich ganz schlichte Wunsch des Kohlenmunk\u2019s Peter, war daher schon grunds\u00e4tzlich schwer zu realisieren. Hinzu kamen die praktischen Umst\u00e4nde: Ein Kohlemeiler musste permanent \u00fcberwacht werden. Der K\u00f6hler war st\u00e4ndig dem Qualm ausgesetzt, anzunehmen, dass man das riechen konnte. Man konnte es auch sehen. Vom Umgang mit der Kohle waren die Waldleute permanent schwarz an H\u00e4nden und am Gesicht. Waschen? Ach ja, wo denn? Die K\u00f6hler lebten in einfachen H\u00fctten im Wald. Ohne Wasser. Mit etwas Gl\u00fcck war ein Bach in der N\u00e4he. Und Seife? Was f\u00fcr Seife? Daf\u00fcr, wie auch f\u00fcr das Tanzvergn\u00fcgen, brauchte man Geld. Trotz des Verkaufs der Kohle, waren die K\u00f6hler extrem arme Leute. <em>Working Poor<\/em>, wie man heute sagt, also Leute, die Tag und Nacht schufteten und trotzdem arm blieben. In jenen Jahren emigrierten Zigtausende aus dem w\u00fcrttembergischen Schwarzwald, Schauplatz des M\u00e4rchens, in die USA.<br \/>\nWas also ist verwerflich an Peter\u2019s Wunsch, nach etwas einem Minimum am Wohlstand, Musik und Tanz, einem Humpen Bier, ein M\u00e4dchen, kurz, nach einem Minimum sozialer Teilhabe?<\/p>\n<p>Heute ist alles ganz anders. Wir haben Riesenfortschritte gemacht. Dennoch ist das Problem Armut nicht aus der Welt, nicht in Afrika, ja nicht einmal in USA und Europa, wo die Zahl der Working Poor wieder stark zunimmt. Fast ein Viertel der Bev\u00f6lkerung in der Europ\u00e4ischen Union, so das Statistikamt Eurostat, 117 Millionen Menschen, ist von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<p>In Zukunft wird sich das wohl kaum zum Besseren wenden. Zu viele Arbeitspl\u00e4tze sind von der Digitalisierung bedroht. Manche meinen sogar, es \u201eknallt\u201c, wenn sich in der Wirtschaftsordnung nicht bald Grunds\u00e4tzliches \u00e4ndert. Letztlich sei der Wunsch nach einem \u201ehumanen Existenz- und Kulturminimum\u201c f\u00fcr alle nur mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) zur erreichen, wie es unter anderem G\u00f6tz W. Werner, Matthias Weik und Marc Friedrich fordern<sup>3<\/sup>.<\/p>\n<p>Bei Peter Munk kommt es unterdessen anders. Er trifft zun\u00e4chst auf einen guten Geist, das Glasm\u00e4nnle, das ihm drei W\u00fcnsche gew\u00e4hrt. Also w\u00fcnscht er sich zun\u00e4chst Geld und Tanzk\u00fcnste, sowie ein Glash\u00fctte. Das Glasm\u00e4nnle verweigert ihm aus \u00c4rger \u00fcber seine Dummheit den dritten Wunsch. Warum eigentlich? Eine florierende Glash\u00fctte h\u00e4tte dem Peter ja dauerhaft ein Auskommen gesichert<sup>4<\/sup>.<br \/>\nHier steckt doch wieder die zynische Botschaft drin: \u201eBleib bei deinem Meiler im Wald, f\u00fcr etwas anderes bist Du zu dumm\u201c. Noch deutlicher wird das in einer Erz\u00e4hlung von Johann Peter Hebel<sup>5<\/sup>, ein Zeitgenosse Hauffs.<br \/>\nEinem armen Bauernpaar werden drei W\u00fcnsche gew\u00e4hrt. Diese wollen sie sich eigentlich gut \u00fcberlegen, aber beim Abendessen sagt die Frau (in einer anderen Version der Mann) arglos \u201eAch, h\u00e4tten wir doch dazu eine Bratwurst\u201c. Schwuppdiwupp ist die Wurst da. Der erste Wunsch. Der andere \u00e4rgert sich \u00fcber die \u201eVerschwendung\u201c eines Wunsches ma\u00dflos und sagt \u201eAch, wenn Dir die Wurst doch an die Nase wachsen w\u00fcrde\u201c. Schwuppdiwupp, der zweite Wunsch. Als dritter Wunsch, bleibt nur, sich die Wurst wieder wegzuw\u00fcnschen und alles ist wie bisher \u2013 Armut und Not sind wieder da. Auch hier die Botschaft Hebels: \u201eGenie\u00dfe was dir Gott beschieden\u201c \u2013 und wenn es nichts ist, wie bei der Mehrheit der Bauern, K\u00f6hler und kleinen Leute der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>Warum zwei gro\u00dfe deutsche Schriftsteller \u00fcber die W\u00fcnsche, die berechtigten W\u00fcnsche,<br \/>\nkleiner Leute so hart und herzlos urteilen ist ein R\u00e4tsel.<br \/>\nVielleicht haben sie \u201eDas kalte Herz\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 Das kalte Herz, ein M\u00e4rchen von Wilhelm Hauff<br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_kalte_Herz\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_kalte_Herz<\/a><\/p>\n<p>2 Armut und soziale Ausgrenzung in der EU<br \/>\n<a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/social\/main.jsp?langId=de&amp;catId=751\">http:\/\/ec.europa.eu\/social\/main.jsp?langId=de&amp;catId=751<\/a><br \/>\nund<br \/>\nWorking Poor in Griechenland<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/armut-in-griechenland-gruppe-der-working-poor-steigt-rasant-betroffene-erzaehlen-a-1175963.html\">\u00a0http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/armut-in-griechenland-gruppe-der-working-poor-steigt-rasant-betroffene-erzaehlen-a-1175963.html<\/a><\/p>\n<p>3 Sonst knallts<\/p>\n<p>4 Hauff\u2019s M\u00e4rchen hat ein Happy End. Dem Schriftsteller scheint wohl aufgegangen zu sein, was Working Poor bedeutet. Am Ende l\u00e4sst er den Peter Munk mit seiner K\u00f6hlerei gutes Geld verdienen, so dass sich dieser aus seiner Armut herausarbeiten kann.<\/p>\n<p>5 Drei W\u00fcnsche<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/maerchen\/drei-wuensche--hebel_11.html\">http:\/\/www.hekaya.de\/maerchen\/drei-wuensche&#8211;hebel_11.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Neuinterpretation eines alten M\u00e4rchens. 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