{"id":658,"date":"2017-11-23T11:01:13","date_gmt":"2017-11-23T09:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=658"},"modified":"2017-11-23T11:06:49","modified_gmt":"2017-11-23T09:06:49","slug":"kleiner-snack-fuer-raubtiere","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=658","title":{"rendered":"Kleiner Snack f\u00fcr Raubtiere"},"content":{"rendered":"<p>Ja, was haben wir eigentlich von dieser Europ\u00e4ischen Union?<br \/>\nEine Antwort, auf die kaum jemand kommt:<br \/>\nWir werden nicht gefressen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Schriftsteller Joris Luyendijk<sup>1<\/sup> schrieb k\u00fcrzlich<sup>2<\/sup>, Gro\u00dfbritannien werde in den kommenden Jahren feststellen, dass es zu einem netten kleinen Snack f\u00fcr die Raubtiere des Dschungels geworden ist.<br \/>\nDschungel \u2013 so nennt Luyendijk den Welthandel, und wenn ich das in aller Bescheidenheit hinzuf\u00fcgen darf, auch die Weltpolitik ist ein Dschungel, in dem die kleinen Akteure, sprich kleine Staaten, nichts anderes sind als Beute.<br \/>\nIn Welthandel und Weltpolitik dominieren nicht Fairness und V\u00f6lkerfreundschaft, sondern die Macht. Wirtschaftsmacht sowieso und zur Not, oft auch ohne Not, die politische und milit\u00e4rische Macht.<br \/>\nSicher, es gibt sie, Fairness und V\u00f6lkerfreundschaft, das Entscheidende jedoch sind geostrategische Interessen, wobei am Ende steht: Fressen oder gefressen werden.<\/p>\n<p>In Bezug auf Gro\u00dfbritannien schreibt Joris Luyendijk, die Brexit-Kampagne sei eine Orgie aus L\u00fcgen und falschen Versprechungen gewesen. In deren Gefolge habe eine Mehrheit f\u00fcr eine Option gestimmt, die nicht auf der Speisekarte stand: die Vorteile der EU-Mitgliedschaft zu behalten, ohne die zugeh\u00f6rigen Verpflichtungen zu erf\u00fcllen. Ausgerechnet in der Heimat des Gentlemen\u2019s Club wollte man dazugeh\u00f6ren, ohne die Club-Regeln zu beachten.<br \/>\nDie Brexit-Bef\u00fcrworter schwadronierten von \u201egro\u00dfartigen Handelsvertr\u00e4gen\u201c mit den wichtigen staatlichen Partnern, um die EU-Mitgliedschaft zu ersetzen. Was sie nicht beachtet haben: Der Dschungel des Welthandels ist kein von rechtsstaatlichen Regeln beherrschtes Paradies, so Luyendijk, sondern ein Gebiet, wo Macht Recht setzt.<br \/>\nDer Punkt ist: Gro\u00dfbritannien ist zu klein, um dem etwas entgegen zu setzen. Auch Deutschland ist da zu klein. Und selbst die Grande Nation \u2013 Frankreich. Und Italien. Von Malta mit 316 Quadratkilometern ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Das Gro\u00dfartige, was wir von der Europ\u00e4ischen Union haben, ist, dass sie eine staatliche Einheit darstellt, deren Stimme in der Welt Gewicht hat. Vorausgesetzt, die Mitgliedsl\u00e4nder, derzeit noch 28, sind sich halbwegs einig, was schwierig ist aber, Gott sei Dank, m\u00f6glich. Zuletzt mit der Gr\u00fcndung einer Milit\u00e4runion, bei der immerhin 23 Staaten mitmachen<sup>3<\/sup>.<br \/>\nEinigkeit vorausgesetzt, ist die Europ\u00e4ische Union auch eine milit\u00e4rische Macht<sup>4<\/sup>. Das mag Pazifisten wenig beeindrucken, eher erschrecken, nur sitzen in Peking, Moskau und Washington keine Pazifisten an den Schalthebeln der Macht, freilich auch keine Bellizisten, aber immerhin Leute, f\u00fcr die milit\u00e4rische Macht etwas z\u00e4hlt.<br \/>\nGenau darum versuchen sie ja stetig, den Europ\u00e4ischen Einigungsprozess zu st\u00f6ren, und mit einer Fake-Flut von Trollen und Web-Brigaden separatistische Stimmung sowohl im Brexit-Britannien als auch in Katalonien zu sch\u00fcren.<br \/>\nDie Europ\u00e4ische Union ist global gesehen eine Bastion von Freiheit, Recht und Wohlstand.<br \/>\nDas gef\u00e4llt nicht allen, aber den meisten, deswegen kommen sie ja zu uns.<\/p>\n<p>Nun setzt ja Macht immer Recht. Die Frage ist, welche Macht. Macht ist, weltweit gesehen, eben nicht unser westlich gepr\u00e4gtes Demokratiemodell, Macht setzen weltweit mehrheitlich andere Gro\u00dfraubtiere, um beim Dschungelbild zu bleiben. Da lauert einiges im Dickicht. Ist es China? Ist es Russland? Sind es gar die USA? Selbst Indien und Brasilien k\u00f6nnten gro\u00dfe Krallen und scharfe Z\u00e4hne (Fl\u00e4che und Bev\u00f6lkerung) haben. Gerade China zeigt in j\u00fcngster Zeit gerne seine Krallen, sei es mit einem neuen Flugzeugtr\u00e4ger, sei es mit der totalen \u00dcberwachung seiner B\u00fcrger<sup>5<\/sup>. Eine \u00dcberwachung, die auch ausl\u00e4ndischen Unternehmen droht. Wollen wir das? Wollen wir ein kommunistisches Ein-Parteien-System? Wollen ein \u201eSozialkreditpunktesystem\u201c, das zu \u201esozialistisch-tugendhafter Folgsamkeit\u201c zwingt? Sicher nicht, obwohl etwas mehr Gemeinsinn auch bei uns nicht schlecht w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der Vorteil der Europ\u00e4ischen Union ist, dass sie gro\u00df genug ist, um im Weltendschungel anderen Bewohnern die Stirn zu bieten, und, zumindest in unserem Sinne, Recht zu setzen und die Regeln mit zu bestimmen, wie die B\u00fcrger miteinander leben und wie die Nationen miteinander leben. Wobei die globalen Regeln in puncto Weltwirtschaft, wie sie jetzt sind, nicht unbedingt als gut und gerecht gelten k\u00f6nnen. Aber wer, wenn nicht die EU kann daran etwas \u00e4ndern?<\/p>\n<p>Zu den \u201elessons learned\u201c, wie der Engl\u00e4nder sagen w\u00fcrde, geh\u00f6ren nach dem Brexit-Fiasko zwei wichtige Punkte: Erstens, die Akteure in Br\u00fcssel sollten die Briten nicht vor den Kopf sto\u00dfen, sondern eine R\u00fcckkehr in die \u201eFamilie\u201c als Option bereit halten, zweitens sollte man Grunds\u00e4tzliches zum Thema \u201eVolksabstimmung\u201c festhalten. Das hei\u00dft, bei einer Entscheidung von so gro\u00dfer Tragweite, darf eine einfache Mehrheit nicht ausschlaggebend sein. Auch in vielen Parlamenten sind f\u00fcr wirklich gro\u00dfe Entscheidungen, meist Verfassungs\u00e4nderungen, Zweidrittelmehrheiten n\u00f6tig. Es ist eine ganz grunds\u00e4tzliche Frage, welchen Wert Volksabstimmungen im Vergleich zu Parlamentsentscheidungen haben sollen. Deutschland ist, aus gutem Grund, eine \u201eparlamentarische Demokratie\u201c. Meiner Meinung nach, sollte, wenn schon das Volk abstimmt, wenn es also um etwas besonders Wichtiges geht, eine mindestens einfache Mehrheit des Volkes ausschlaggebend sein. Des Volkes \u2013 das hei\u00dft, der Wahlberechtigten! Zum Vergleich: Bei der Brexit-Abstimmung am 23. Juni 2016 votierten 51,89 Prozent der W\u00e4hler f\u00fcr den Austritt. Bei einer Wahlbeteiligung von 72 Prozent, sind das eben nur 37,36 Prozent des Wahlvolkes. Schottland wurde komplett \u00fcberstimmt. Sorry, aber das geht nicht. Also, liebe Briten, wiederholt den ganzen Schei\u00df und setzt ein Quorum von 50 Prozent der Wahlberechtigten.<br \/>\nIn einem eventuellen Wahlkampf f\u00fcr eine neue Abstimmung sollten die genannten geopolitischen Argumente eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Nebst anderen Vorteilen der Europ\u00e4ischen Union, wie Frieden, Solidarit\u00e4t und Freiz\u00fcgigkeit, die im Lauf der Zeit immer wieder ein wenig in Vergessenheit geraten. Naturgem\u00e4\u00df biologisch muss man leider sagen. Wer den Krieg nicht erlebt hat, nimmt den Frieden als ziemlich selbstverst\u00e4ndlich hin, wer Schlagb\u00e4ume und Schikanen an den Grenzen nicht erlebt hat, nimmt Reisefreiheit als ziemlich selbstverst\u00e4ndlich hin.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich zur Solidarit\u00e4t, als weiteren gro\u00dfen Wert der Europ\u00e4ischen Union: Bei uns in Europa soll es allen gut gehen. Daher ist die EU auch ein gro\u00dfer \u201eL\u00e4nderfinanzausgleich\u201c wie wir ihn in Deutschland selbstverst\u00e4ndlich kennen und meist ohne Murren hinnehmen.<br \/>\nInsgesamt ist \u201edas Europa von heute eine der gr\u00f6\u00dften Errungenschaften der Menschheitsgeschichte\u201c, sagt der britische Historiker Christopher Clark<sup>6<\/sup>.<br \/>\nDamit das und alles, was wir von der Europ\u00e4ischen Union haben stets pr\u00e4sent bleibt, gibt es zum Gl\u00fcck Organisationen wie, nur drei Beispiele:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/pulseofeurope.eu\/de\/\">Pulse of Europe<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.laute-europaeer.de\/\">Laute Europ\u00e4er<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.jef.de\/\">Junge europ\u00e4ische F\u00f6deralisten<\/a><\/p>\n<p>________________________________________________________________________<\/p>\n<p>1 Joris Luyendijk, Sachbuchautor und Journalist<br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joris_Luyendijk\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joris_Luyendijk<\/a><br \/>\n2 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2017: \u201eBritisches Armageddon\u201c<br \/>\n3 Spiegel online, 13.11.2017: \u201e23 EU-Staaten gr\u00fcnden Milit\u00e4runion\u201c<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/bruessel-23-eu-staaten-gruenden-pesco-zusammenarbeit-bei-verteidigung-a-1177685.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/bruessel-23-eu-staaten-gruenden-pesco-zusammenarbeit-bei-verteidigung-a-1177685.html<\/a><br \/>\n4 siehe unter Auslandsjahr.eu<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.auslandsjahr.eu\/eu-hat-die-2-groesste-armee-der-welt\/\">http:\/\/www.auslandsjahr.eu\/eu-hat-die-2-groesste-armee-der-welt\/<\/a><br \/>\n5 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2017: \u201eChina plant die totale \u00dcberwachung\u201c<br \/>\n6 RTV, 42\/2017 zur ZDF-Sendung \u201eDie Europa-Saga\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, was haben wir eigentlich von dieser Europ\u00e4ischen Union? Eine Antwort, auf die kaum jemand kommt: Wir werden nicht gefressen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/658"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=658"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/658\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":667,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/658\/revisions\/667"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/665"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=658"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=658"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=658"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}