{"id":695,"date":"2018-05-09T11:52:43","date_gmt":"2018-05-09T09:52:43","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=695"},"modified":"2018-05-09T11:52:43","modified_gmt":"2018-05-09T09:52:43","slug":"alle-acht-jahre-eine-grosse-halle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=695","title":{"rendered":"Alle acht Jahre eine gro\u00dfe Halle"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-698\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/fotolia-139021222-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/>Sagt ein schw\u00e4bischer Unternehmer. Soll f\u00fcr Wachstum stehen,<br \/>\nzeigt aber die Begrenztheit unseres wirtschaftlichen Handelns.<!--more--><br \/>\nZun\u00e4chst einmal: Geht es den Unternehmen hierzulande gut, ist das selbstverst\u00e4ndlich ein Anlass zur Freude. Arbeitspl\u00e4tze!<\/p>\n<p>\u201eWir haben zuletzt alle acht Jahre unsere Produktionsfl\u00e4che verdoppelt\u201c, sagt der Inhaber eines Maschinenbauunternehmens in Baden-W\u00fcrttemberg. Die \u00dcberschrift des Berichts in der Lokalzeitung lautete daher: \u201eAlle acht Jahre eine gro\u00dfe Halle\u201c.<\/p>\n<p>Tun wir es allerdings den Unternehmern gleich und rechnen genau nach, m\u00fcssen wir feststellen, wie auf diese Weise schnell die Grenzen des Wachstums erreicht sind. F\u00fcr eine solche Halle braucht das Unternehmen mit etwa 1000 Besch\u00e4ftigten rund 20.000 Quadratmeter Fl\u00e4che, also zwei Hektar. Hinzu kommen weitere zwei Hektar Au\u00dfenfl\u00e4che, Parkpl\u00e4tze, Zufahrten usw., macht vier Hektar alle acht Jahre. Das sind dann 0,5 Hektar pro 1000 Besch\u00e4ftigte im Jahr.<br \/>\nDaraus ergibt sich f\u00fcr eine mittelgro\u00dfe Stadt in Baden-W\u00fcrttemberg mit 40.000 Einwohnern und 16.000 Arbeitspl\u00e4tzen ein Bedarf von acht Hektar pro Jahr.<\/p>\n<p>Nun sind nicht alle Betriebe so erfolgreich, dass sie einen solchen Fl\u00e4chenbedarf haben, au\u00dferdem kommen auch wieder konjunkturell schlechtere Zeiten und nicht jedes Unternehmen braucht grunds\u00e4tzlich Produktions-, Lager- und Logistikfl\u00e4chen in diesem Umfang.<br \/>\nDennoch wird es eng im L\u00e4ndle und nicht nur dort. Viele St\u00e4dte und Gemeinden haben einfach keine freien Fl\u00e4chen mehr, die sie den Gewerbebetrieben zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Daher der Vergleich mit einer Insel. Das Bild zu diesem Beitrag zeigt die Hauptstadt der Malediven, Mal\u00e9. Sie ist komplett bebaut. Verbaut? 123.00 Einwohner, sechs Quadratkilometer im Indischen Ozean, 20.000 Einwohner pro Quadratkilometer. Angenommen, die dortigen Unternehmer w\u00e4ren ebenso erfolgreich wie die in Baden-W\u00fcrttemberg und w\u00fcrden Gewerbefl\u00e4chen fordern: Wo?<\/p>\n<p>Sicher, die typisch schw\u00e4bische Kleinstadt ist nicht vom Ozean umgeben, aber grunds\u00e4tzlich in einer \u00e4hnlichen Situation. Dass sich Gewerbe jenseits der eigenen Gemeindegrenzen ansiedelt geht gar nicht. Denn die St\u00e4dte und Gemeinden konkurrieren heftig um die Betriebe, was diese nat\u00fcrlich wissen. Es droht der Verlust von Gewerbesteuern, Spatenstichen, Baggerbissen und Richtfesten, also alles, was B\u00fcrgermeister so sehr lieben.<br \/>\nDie B\u00fcrger lieben das nicht so. Kommunalverwaltungen sto\u00dfen vermehrt auf Widerstand, wenn es darum geht, wertvolle Ackerfl\u00e4chen, Wasserschutzgebiete, Streuobstwiesen oder einfach Brachland, das sich die Natur zur\u00fcckerobert hat, f\u00fcr Gewerbegebiete herzugeben.<\/p>\n<p>Das ist insofern ein grunds\u00e4tzliches Problem, da Boden ein nicht recycelbarer Rohstoff ist. Einmal betoniert, versiegelt, auf immer verbraucht, f\u00fcr andere Nutzung verloren. Jedenfalls nach menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben.<br \/>\nNicht einmal die viel beschworene Nachhaltigkeit hilft hier weiter. Nachhaltig hei\u00dft, wie wir von der Forstwirtschaft gelernt haben, man entnimmt nur so viel, wie wieder nachw\u00e4chst.<br \/>\nBoden, fruchtbarer Boden, w\u00e4chst nicht nach. Streng genommen d\u00fcrften wir so gesehen eigentlich gar keine B\u00f6den mehr versiegeln<sup>1<\/sup>. Ganz abgesehen davon, dass wir fruchtbare B\u00f6den zur Erzeugung von Nahrungsmitteln und Tierfutter dringend ben\u00f6tigen. Selbst unsere Energie kommt teilweise vom Acker, r\u00fcckblickend auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss.<\/p>\n<p>Die Frage ist, ob das System \u201eWirtschaftswachstum\u201c ganz grunds\u00e4tzlich etwas mit Weisheit zu tun hat. Denn es sind ja nicht nur die Fl\u00e4chen, die begrenzt sind. Beim Rohstoff \u201eFl\u00e4che\u201c ist es offensichtlich, dass wir an Grenzen sto\u00dfen. Doch auch die Verf\u00fcgbarkeit fast aller anderen Rohstoffe ist begrenzt. Wirtschaftswachstum ist daher kaum eine Option f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Der Fl\u00e4chenverbrauch in Deutschland ist einer der h\u00f6chsten weltweit. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Artenvielfalt, wie gerade wieder anl\u00e4sslich einer Tagung des Weltbiodiversit\u00e4tsrates der Vereinten Nationen zu h\u00f6ren war. Der Verlust von intakten \u00d6kosystemen reduziert nicht nur den Reichtum der Tier- und Pflanzenwelt, sondern beeintr\u00e4chtigt direkt das Wohlergehen der Menschheit<sup>2<\/sup>.<br \/>\nZwar ist der Fl\u00e4chenneuverbrauch in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zur\u00fcckgegangen, auf rund 66 Hektar pro Tag. Das ist immer noch zu viel.<br \/>\nDas Umweltbundesamt gibt als Ziel f\u00fcr das Jahr 2030 rund 20 Hektar vor<sup>3<\/sup>.<br \/>\nDer Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) hat schon 2011 den \u201e30-Hektar-Tag\u201c als bundesweiten Aktionstag f\u00fcr nachhaltiges Fl\u00e4chenmanagement ausgerufen. Er f\u00e4llt jeweils auf den Tag im Jahr, an dem die laut 30-Hektar-Ziel verf\u00fcgbare Fl\u00e4che f\u00fcr das gesamte Jahr aufgebraucht ist \u2013 im Jahr 2017 war dies der 15. Juni<sup>4<\/sup>.<br \/>\nDie Bundesregierung hat einst vorgegeben, den Verbrauch bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu senken<sup>5<\/sup>.<br \/>\n2020? Man darf daran erinnern, dass wir bereits 2018 schreiben und noch 66 Hektar am Tag brauchen. Von 30 Hektaren oder gar 20 sind wir also noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Derzeit ist nicht erkennbar, wie das Ziel erreicht werden k\u00f6nnte, zumal das Wachstum, das in Wirtschaft und Politik als oberste Maxime gilt, untrennbar mit Fl\u00e4chenverbrauch einhergeht.<br \/>\nWas tun?<\/p>\n<p>Hier einige L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Erstens: Das Bauen ganz verbieten. Ernsthaft. Diese wohl radikalste und vermutlich einzig sinnvolle L\u00f6sung stammt von Daniel Fuhrhop, der ein Buch mit eben dem Titel \u201eVerbietet das Bauen!\u201c geschrieben hat<sup>6<\/sup>. Fuhrhop argumentiert, was gebraucht wird, wurde gebaut.<br \/>\nSelbst die wirtschaftsfreundliche FAZ schreibt in ihrer Rezension \u201eeine kenntnisreiche, erschreckende, aber dank vieler positiver Beispiele auch ermutigende Streitschrift\u201c<sup>7<\/sup>.<\/p>\n<p>Zweitens: Marktgerechte Preise. Baulandpreise f\u00fcr Gewerbe sind politische Preise, welche die tats\u00e4chliche Knappheit in keiner Weise widerspiegeln. Festgesetzt von den Kommunalverwaltungen, die glauben, unter Wettbewerbsdruck der Nachbargemeinden zu stehen.<br \/>\nSo will zum Beispiel eine Gemeinde in Baden-W\u00fcrttemberg den Quadratmeter in einem neuen Gewerbegebiet f\u00fcr 50 Euro anbieten, wo doch schon die Erschlie\u00dfung angeblich 80 Euro pro Quadratmeter kostet. In derselben Gemeinde sind f\u00fcr einen Quadratmeter Bauland im Wohngebiet 150 Euro zu entrichten.<br \/>\nVielleicht steht ja \u00fcberhaupt das ganze Preissystem auf dem Kopf. Das eigentlich Wertvolle ist der fruchtbare Ackerboden. Berechnen wir doch f\u00fcr den 50 Euro\/Quadratmeter und f\u00fcr Industriebauland 5 Euro. Das w\u00fcrde der Spekulation, ohnehin die wichtigste Triebfeder f\u00fcr das Bauen, den Boden entziehen.<\/p>\n<p>Drittens: Wenn schon Gewerbe, dann richtig. Das hei\u00dft, vor allem Produktionsbetriebe.<br \/>\nLebensmitteleinzelh\u00e4ndler, Steuerberater und Modegesch\u00e4fte geh\u00f6ren ins Zentrum der Gemeinden. Wobei hier auch anzumerken ist, dass sich viele Produktionsbetriebe gerade deshalb auf der \u201egr\u00fcnen Wiese\u201c neu ansiedeln, weil der Grund und Boden fast nichts kostet und das Bauen selbst ganz wenig. So haben sie die Chance, ihren Produktionsprozess kosteng\u00fcnstig neu zu organisieren.<\/p>\n<p>Viertens: Fl\u00e4chenrecycling, wie das viele Naturschutzverb\u00e4nde fordern.<br \/>\nIst aber teurer als Neubau, siehe Drittens.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens: Es hei\u00dft Industrie- oder Gewerbegebiet, nicht Industrie- oder Gewerbepark.<\/p>\n<p>Sechstens: Landesgewerbegebiete. Das hei\u00dft, nicht mehr die Kommunen bieten Gewerbefl\u00e4chen an, sondern das Land. So w\u00fcrden Standortwettbewerb wegfallen und Zersiedelung reduziert. Industriegebiete, also Gebiete f\u00fcr die Industrie, nicht f\u00fcr andere, siehe wieder drittens, w\u00fcrden geb\u00fcndelt. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer w\u00fcrden auf alle Gemeinden im Land umgelegt. Zur Verkehrserschlie\u00dfung sollte auch der optimale Anschluss an das \u00f6ffentliche Verkehrsnetz geh\u00f6ren.<br \/>\nLandesgewerbegebiete w\u00fcrden Erweiterungen in manchen F\u00e4llen schwieriger machen, daf\u00fcr aber Neuansiedlungen erleichtern. Notfalls gingen auch Regions- oder Kreisindustriegebiete.<\/p>\n<p>Der Unternehmer, der eine neue Halle braucht, k\u00f6nnte sie dann dort bekommen.<\/p>\n<p>1 Wobei nicht die gesamte verbrauchte Fl\u00e4che versiegelt ist, ber\u00fccksichtigt man das Gr\u00fcn zwischen den Parkfl\u00e4chen.<\/p>\n<p>2 faz.net, 24.03.2018: \u201ePl\u00e4doyer gegen die Einfalt\u201c<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/der-weltbiodiversitaetsrat-der-un-warnt-vor-dem-grossen-artensterben-15509674.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/der-weltbiodiversitaetsrat-der-un-warnt-vor-dem-grossen-artensterben-15509674.html<\/a><\/p>\n<p>3 Umweltbundesamt \u201eSiedlungs- und Verkehrsfl\u00e4che\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/daten\/flaeche-boden-land-oekosysteme\/flaeche\/siedlungs-verkehrsflaeche#textpart-1\">https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/daten\/flaeche-boden-land-oekosysteme\/flaeche\/siedlungs-verkehrsflaeche#textpart-1<\/a><\/p>\n<p>4 NABU: 30 Hektar sind mehr als genug<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.nabu.de\/umwelt-und-ressourcen\/bauen\/nabu-aktivitaeten\/index.html\">https:\/\/www.nabu.de\/umwelt-und-ressourcen\/bauen\/nabu-aktivitaeten\/index.html<\/a><\/p>\n<p>5 Bundesministerium f\u00fcr Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bmub.bund.de\/themen\/nachhaltigkeit-internationales\/nachhaltige-entwicklung\/strategie-und-umsetzung\/reduzierung-des-flaechenverbrauchs\/\">https:\/\/www.bmub.bund.de\/themen\/nachhaltigkeit-internationales\/nachhaltige-entwicklung\/strategie-und-umsetzung\/reduzierung-des-flaechenverbrauchs\/<\/a><\/p>\n<p>6 Daniel Fuhrhop, Verbietet das Bauen!, Oekom Verlag, M\u00fcnchen, 2015<\/p>\n<p>7 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.05.2016: \u201eBauverbot\u201c<\/p>\n<p>Foto: aerial view on male capital city of maldives Fotolia-Datei: #139021222 | Urheber: stockphoto-graf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sagt ein schw\u00e4bischer Unternehmer. 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