{"id":756,"date":"2019-08-19T22:21:09","date_gmt":"2019-08-19T20:21:09","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=756"},"modified":"2019-08-27T22:05:55","modified_gmt":"2019-08-27T20:05:55","slug":"der-wald-wenn-weg-dann-weg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=756","title":{"rendered":"Der Wald: Wenn weg, dann weg"},"content":{"rendered":"<p>Brasilien rodet seinen Wald im Rekordtempo. Na und?<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-757\" src=\"http:\/\/zabota.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/rainforest-78516_640-klein-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/>In Deutschland ist Entwaldung nichts Neues. Historisch gesehen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Land gr\u00f6\u00dftenteils kahlgeschlagen. Bereits im Mittelalter , um das Jahr 1300 gab es bereits eine Holznot<sup>1<\/sup>. Das lag zum einen daran, dass Rodungen als kulturelle Gro\u00dftat galten, zum anderen war der Holzbedarf immens. Die H\u00e4user der einfachen Leute waren aus Holz, zum Heizen und Kochen war nichts anderes da als Holz, das Vieh wurde in den Wald getrieben, die Herstellung von Holzkohle verschlang enorme Mengen an Buchenholz, Grubenholz war gefragt, ebenso Bauholz f\u00fcr Schiffe, f\u00fcr die Herstellung von Papier, Eisenbahnschwellen, wir lebten nicht mehr in einer Stein-, Bronze- oder Eisenzeit, sondern einer Holzzeit. Eigentlich bis heute. Somit war es ein kahler Boden, auf dem der Begriff \u201eNachhaltigkeit\u201c entstand. Das hei\u00dft: Einfach nicht mehr entnehmen als nachw\u00e4chst. Der deutsche Wald war gerettet.<\/p>\n<p>Und nun nach Brasilien. Allein im Juli 2019 sind dort 2254 Quadratkilometer Regenwald der Motors\u00e4ge zum Opfer gefallen, viermal so viel wie im Juli 2018 (das entspricht einem knappen F\u00fcnftel der gesamten Waldfl\u00e4che in Baden-W\u00fcrttemberg \u2013 in einem Monat!). Die Entwaldung schreitet im Rekordtempo voran.<br \/>\nDas w\u00e4re allein die Sache dieses Landes, w\u00fcrde der noch riesige brasilianische Amazonaswald nicht als \u201eGr\u00fcne Lunge des Planeten\u201c gelten. Aus diesem Grunde haben einige Industriel\u00e4nder, allen voran Deutschland, Norwegen und Gro\u00dfbritannien, viele Milliarden Euro f\u00fcr den Schutz des Regenwaldes bereitgestellt. \u201eWer das Klima retten will, der muss den Regenwald retten und seine Zerst\u00f6rung stoppen\u201c, sagte Entwicklungshilfeminister Gerd M\u00fcller. Der Schutz von Tropenwald und Klima k\u00f6nne nur gemeinsam, also mit Brasilien, gelingen<sup>2<\/sup>.<br \/>\nGemeinsam? Brasilien ist wohl nicht mehr dabei. Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro sagt, wir sollten das Geld nehmen und Deutschland damit aufforsten. Dort sei es viel n\u00f6tiger als in Brasilien<sup>3<\/sup>.<\/p>\n<p>Also zur\u00fcck nach Deutschland. Mal abgesehen davon, dass die Worte des brasilianischen Pr\u00e4sidenten ein diplomatischer Affront sind, \u00f6kologisch kurzsichtig und er \u00fcberhaupt ein neoliberaler Knochen ist \u2013 hat er nicht ein bisschen recht?<br \/>\nTats\u00e4chlich sieht es hierzulande doch so aus, dass die wirtschaftliche Nutzung des Waldes absolute Priorit\u00e4t hat. Mehr als 99 Prozent unseres Waldes ist Wirtschaftswald. Unser Holzhunger ist, wie der anderer Industriel\u00e4nder, noch immer gigantisch. Und nimmt tendenziell zu, da Heizen mit Holz und Bauen mit Holz als \u00f6kologisch besonders korrekt gelten. Trotz Digitalisierung und papierlosem B\u00fcro steigt der Papierverbrauch in Deutschland, vor allem wegen des ebenfalls wachsenden Onlinehandels (Verpackungen). Als bedenklich ist es auch zu werten, dass wir aus M\u00f6beln, die, da aus Holz, eigentlich langlebig sind, Wegwerfprodukte gemacht haben. Ein Trend, der in Schweden seinen Ursprung hat und dem tausende Quadratkilometer nordische Nadelw\u00e4lder zum Opfer fallen. Schlie\u00dflich sollten wir auch davon wegkommen, unser Vieh mit Soja aus Brasilien zu m\u00e4sten statt artgerecht mit hiesigem Heu und Gras. Als ebenso regenwalderhaltend k\u00f6nnte es sich erweisen, nicht in jedes Lebensmittel, das bei uns industriell hergestellt wird, Unmengen von Palm\u00f6l hineinzubuttern.<\/p>\n<p>Daraus ergeben sich f\u00fcr Deutschland zwei Konsequenzen: Erstens aufforsten, zweitens m\u00f6glichst viel Wald aus der Nutzung herausnehmen und unter Schutz stellen.<br \/>\nDas Aufforsten hat einen quantitativen und einen qualitativen Aspekt. Der quantitative Aspekt ist, dass derzeit viele Waldbesitzer in gro\u00dfer Not sind, weil die Fichte f\u00e4llt. Dem Brotbaum der Waldwirtschaft machen die Trockenheit und der Borkenk\u00e4fer zu schaffen. Viele Fl\u00e4chen, auf denen die Fichte stand, m\u00fcssen neu aufgeforstet werden. Zum quantitativen Aspekt z\u00e4hlt auch, dass wir mehr Waldfl\u00e4chen brauchen. Hier m\u00fcssen wir uns auf eine Studie der ETH Z\u00fcrich verlassen, die besagt, die Aufforstung w\u00e4re die effektivste Ma\u00dfnahme gegen den Klimawandel, wohlgemerkt, global gesehen und unter Ausschluss von Siedlungsfl\u00e4chen und landwirtschaftlich genutzten Fl\u00e4chen<sup>4<\/sup>. Wir sollten auch bei uns Fl\u00e4chen suchen, um den Waldbestand zu mehren. Schlie\u00dflich sind wir, gemessen pro Kopf, die gr\u00f6\u00dften Verursacher der CO<sub>2<\/sub>-Emissionen und tragen somit wesentlich mehr zum globalen Overshoot bei als die Menschen in Brasilien. Qualitativ gesehen gilt es, Baumarten zu finden, die bei uns auch unter klimatisch ver\u00e4nderten Bedingungen gut wachsen. Was nicht so einfach ist. Wer wei\u00df schon, was in 120 Jahren sein wird? Daher ist eine \u00c4u\u00dferung der Bundesumweltministerin Svenja Schulze nicht sehr hilfreich, die sagte, die Fehler der Vergangenheit, d\u00fcrften nicht wiederholt werden<sup>5<\/sup>.<\/p>\n<p>Die andere Konsequenz ist, selbst in Deutschland mehr W\u00e4lder aus der Bewirtschaftung herauszunehmen und unter Schutz zu stellen. Wir brauchen mehr Naturwaldreservate. Was ebenfalls nicht so einfach ist. In Deutschland sind daher nur 0,3 Prozent der Waldfl\u00e4che sich selbst \u00fcberlassen<sup>6<\/sup>. Davon brauchen wir mehr und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Erstens sind Naturw\u00e4lder ein \u00f6kologischer Wert an sich, und zweitens kann Deutschland nicht \u00fcberall auf der Welt nach Schutzgebieten rufen und diese finanzieren, zuhause aber nichts tun. Pl\u00e4ne, in Deutschland Waldschutzgebiete zu errichten, rufen in der Regel einen Proteststurm hervor. Was war das f\u00fcr ein Kampf um den Nationalpark Nordschwarzwald (100,62 Quadratkilometer, 0,73 Prozent der Waldfl\u00e4che des Landes, siehe auch den Beitrag <a href=\"http:\/\/zabota.de\/?p=469\">Ende der Esche<\/a>)! Und stellen wir uns vor, wie die indigene Bev\u00f6lkerung des Nordschwarzwaldes reagieren w\u00fcrde, w\u00e4ren Forderungen und finanzielle Mittel aus Brasilien gekommen.<\/p>\n<p>Womit wir also wieder in Brasilien w\u00e4ren. Erst wenn wir unsere eigenen W\u00e4lder sch\u00fctzen und sch\u00e4tzen, k\u00f6nnen wir uns auch in Brasilien glaubw\u00fcrdig und konsequent f\u00fcr den Erhalt des Regenwaldes einsetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 Quelle: Wilhelm Koch \/ Vom Urwald zum Forst \/ Franckh\u2019sche Verlagshandlung, Stuttgart, 1957<br \/>\n2 bmz.de, <a href=\"http:\/\/www.bmz.de\/de\/presse\/aktuelleMeldungen\/2019\/juli\/190707_pm_043_Brasilien-Reise-von-Minister-Mueller-Schutz-von-Tropenwald-und-Klima-kann-nur-gemeinsam-gelingen\/index.html\">Pressemitteilung<\/a> vom 7.07.2019: \u201eBrasilien-Reise von Minister M\u00fcller: Schutz von Tropenwald und Klima kann nur gemeinsam gelingen\u201c<br \/>\n3 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2019: \u201eNehmt die Knete und forstet bei euch selbst auf\u201c<br \/>\n4 ETH Z\u00fcrich, <a href=\"https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2019\/07\/wie-baeume-das-klima-retten-koennten.html\">Medienmitteilung<\/a> vom 4.07.2019: Wie B\u00e4ume das Klima retten k\u00f6nnen<br \/>\n5 deutschlandfunk.de, 16.08.2019: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/aufforstung-schulze-fehler-der-vergangenheit-nicht.1939.de.html?drn:news_id=1038861\">Schulze<\/a>: Die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen<br \/>\n6 Wikipedia-Eintrag: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Naturwaldreservat\">Naturwaldreservat<\/a><\/p>\n<p>(Siehe auch &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Earth_Overshoot_Day\">Earth Overshoot Day<\/a>&#8220; und &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_CO2-Emission\">Liste der L\u00e4nder nach CO2-Emission<\/a>&#8222;)<\/p>\n<h1 id=\"firstHeading\" class=\"firstHeading\" lang=\"de\"><\/h1>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brasilien rodet seinen Wald im Rekordtempo. Na und?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":757,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/756"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=756"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/756\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":770,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/756\/revisions\/770"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/757"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}