{"id":976,"date":"2021-02-03T20:12:25","date_gmt":"2021-02-03T18:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/zabota.de\/?p=976"},"modified":"2021-02-17T20:26:10","modified_gmt":"2021-02-17T18:26:10","slug":"bier-und-blumenkohl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/zabota.de\/?p=976","title":{"rendered":"Bier und Blumenkohl"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Tschechen und ihre Lebensmittel.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bier ist ein typisches tschechisches Produkt. In der Tschechischen Republik sind nun einige der Meinung, dieses heimische Produkt, und nicht nur dieses, m\u00fcsse im Lebensmitteleinzelhandel einen besonderen Platz bekommen.<br><br>Daher hat das Abgeordnetenhaus in Prag ein Gesetz verabschiedet, das heimische Produkte bevorzugen soll. Demnach m\u00fcssen in Lebensmittelgesch\u00e4ften mit mehr als 400 Quadratmetern Fl\u00e4che vorerst 55 Prozent, sp\u00e4ter 73 Prozent, der Produkte aus tschechischer Produktion stammen. Nicht von allen Produkten, sondern nur von 120 Produkten, darunter Eier, Milch, K\u00e4se, Honig, frisches Rind- und Schweinefleisch, nicht zu vergessen, den Blumenkohl. Manche nennen das \u201eLebensmittel-Nationalismus\u201c<strong><sup>1<\/sup><\/strong>.<br><br>Danach sieht es auf den ersten Blick auch aus. Die Europ\u00e4ische Union und die Opposition im Prager Parlament sind alarmiert, weil das Gesetz gegen die Prinzipien des freien Marktes verst\u00f6\u00dft. Der ungehinderte Verkehr von Produkten im Binnenmarkt ist nun einmal ein hohes Gut. Zudem besteht, wie immer bei Handelskonflikten, die Gefahr des sich hochschaukelnden \u201ewie Du mir, so ich Dir\u201c. Am Ende w\u00e4ren hier die tschechischen Produzenten wom\u00f6glich die Dummen.<br><br>Dieser Fall von versuchtem Protektionismus h\u00e4tte zudem ein spezielles Geschm\u00e4ckle: Einer der gr\u00f6\u00dften Profiteure w\u00e4re der gr\u00f6\u00dfte tschechische Agrarkonzern Agrofert, der im Besitz des Premierministers Andrej Babi\u0161 ist. Dessen Regierungspartei ANO 2011 war f\u00fcr das Gesetz.<br><br>Ganz anders s\u00e4he die Sache jedoch aus, w\u00fcrden explizit nicht \u201etschechische\u201c Lebensmittel bevorzugt, sondern \u201eregionale\u201c, was die Initiatoren des Gesetzes, behandelte man sie wohlmeinend, vielleicht tats\u00e4chlich im Sinn hatten. Mal ehrlich \u2013 den Lebensmitteln regionaler Erzeuger den Vorzug zu geben, ist doch genau das, was nicht nur unter \u00f6kologischen Gesichtspunkten, immer ganz oben auf der Agenda steht.<br><br>Das Bundeszentrum f\u00fcr Ern\u00e4hrung, immerhin ein Beh\u00f6rde, listet die Vorteile des Einkaufs regionaler Produkte auf, wozu unter anderem kurze Transportwege, die St\u00e4rkung heimischer Produzenten und die Unabh\u00e4ngigkeit von globalen Handelsstrukturen, z\u00e4hlen<strong><sup>2<\/sup><\/strong>. In Baden-W\u00fcrttemberg l\u00e4uft gerade eine Werbekampagne des Landwirtschaftsministeriums, die zum Kauf regionaler Produkte animieren soll<strong><sup>3<\/sup><\/strong>. Motto: &#8222;Nat\u00fcrlich. Von daheim&#8220;. Regionalit\u00e4t scheint also ein wichtiges Ziel zu sein. Was hei\u00dfen soll, die Bauern der Umgebung und nicht die gro\u00dfen internationalen Discounter-Konzerne zu f\u00f6rdern<strong><sup>4<\/sup><\/strong>.<br><br>Das Problem: Der Begriff \u201eRegion\u201c ist nicht definiert und nicht gesch\u00fctzt. Daher drucken etliche Produzenten das Wort \u201eregional\u201c auf ihre Produktverpackungen, um den guten Willen der Verbraucher auf ihre M\u00fchlen zu lenken. Vielleicht h\u00e4tte das tschechische Abgeordnetenhaus genau hier Pionierarbeit leisten k\u00f6nnen: durch die Definition des Begriffes. Wenn man als \u201eRegion\u201c einen bestimmten Umkreis definiert, ist das nicht allzu schwierig. Doch wie gro\u00df soll dieser \u201eUmkreis\u201c sein? 10, 20, 40, 80 Kilometer? Im tschechischen Fall muss man ber\u00fccksichtigen, dass das Land nicht besonders gro\u00df und daher die Grenze zum n\u00e4chsten EU-Anrainer nicht sehr weit ist. Von Liberec in Nordb\u00f6hmen sind es beispielsweise nur 25 Kilometer ins deutsche Zittau und 28 Kilometer ins polnische Bogatynia. W\u00fcrden die Abgeordneten in Prag einen 30-Kilometer-Umkreis als \u201eregional\u201c definieren, k\u00f6nnte die Milch f\u00fcr Liberec aus Zittau oder Bogatynia kommen. Dann ist sie zwar nicht \u201etschechisch\u201c, aber dennoch regional genug.<br><br>Eine mutige L\u00f6sung des Problems w\u00e4re, den Lebensmitteleinzelhandel v\u00f6llig neu zu strukturieren. In dem man n\u00e4mlich die gro\u00dfen Discounter ganz zerschl\u00e4gt<strong><sup>5<\/sup><\/strong>. Die Lebensmittell\u00e4den w\u00fcrden wieder von selbstst\u00e4ndigen Kaufleuten gef\u00fchrt, die wahrscheinlich sowieso lieber in ihrer Region einkaufen. Warum sollte ein Kaufmann aus Liberec Milch in Friesland kaufen?<br><br>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Bier und Blumenkohl. Es ist nur komplexer. Beim Bier wollen die Kunden wom\u00f6glich eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl, vielleicht mal ein irisches oder deutsches Bier, obwohl es rund um Liberec gen\u00fcgend Brauereien gibt. Blumenkohl muss im Winter nicht unbedingt aus B\u00f6hmen kommen, Spanien liegt da n\u00e4her.<br><br>Sollte das Prager Abgeordnetenhaus also tats\u00e4chlich im Sinn haben, regionale Lebensmittel zu f\u00f6rdern, ist die Herangehensweise noch nicht optimal. Aber die Idee hat Potenzial. Vor allem, wenn man damit zus\u00e4tzlich die \u00d6kologische und\/oder die Solidarische Landwirtschaft f\u00f6rdern wollte. Der Einstieg mit nur 120 Produkten ist \u00fcberschaubar, wo doch ein Supermarkt mehrere tausend Produkte im Sortiment hat. Daher sollte man das Gesetz zumindest als Denkansto\u00df ernst nehmen.<br><br><br>1 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2021: \u201eLebensmittel-Nationalismus in Tschechien\u201c<br>Landesecho, 21.01.2021: \u201eTschechisches Parlament beschlie\u00dft Lebensmittelquote\u201c<br><a href=\"http:\/\/www.landesecho.cz\/index.php\/wirtschaft\/1611-tschechisches-parlament-beschliesst-lebensmittelquote\">http:\/\/www.landesecho.cz\/index.php\/wirtschaft\/1611-tschechisches-parlament-beschliesst-lebensmittelquote<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br>2 BZfE, \u201eRegional einkaufen\u201c, abgerufen am 1.02.2021<br><a href=\"https:\/\/www.bzfe.de\/nachhaltiger-konsum\/orientierung-beim-einkauf\/regional-einkaufen\/\">https:\/\/www.bzfe.de\/nachhaltiger-konsum\/orientierung-beim-einkauf\/regional-einkaufen\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br>3 Ministerium f\u00fcr L\u00e4ndlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-W\u00fcrttemberg<br>https:\/\/mlr.baden-wuerttemberg.de\/de\/unsere-themen\/landwirtschaft\/regionale-landwirtschaft\/kampagne-natuerlich-von-daheim\/<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>4 Utopia.de: \u201e12 Wege zu regionalen Lebensmitteln\u201c<br><a href=\"https:\/\/utopia.de\/galerien\/wege-regionale-lebensmittel\/#1\">https:\/\/utopia.de\/galerien\/wege-regionale-lebensmittel\/#1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br>5 F\u00fcnf gro\u00dfe Einzelhandelskonzerne bilden in Deutschland ein marktbeherrschendes Oligopol. Man m\u00fcsste dar\u00fcber nachdenken,<br>ob das Zerschlagen dieser Konzerne im Sinne einer auf Wettbewerb basierenden Wirtschaftsordnung w\u00e4re.<br>Siehe auch \u201e<a href=\"http:\/\/zabota.de\/?p=868\">Danke, Discounter<\/a>\u201c.<br><br>Foto (Bier) von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/@sonja-maric?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Sonja Maric<\/a><\/strong> von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/klarglas-bierkrug-2707972\/?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Pexels<\/a><\/strong><br><br>Foto (Blumenkohl) von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/@karolina-grabowska?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Karolina Grabowska<\/a><\/strong> von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/lebensmittel-mann-menschen-frau-4963755\/?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Pexels<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tschechen und ihre Lebensmittel.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":979,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[241,242,214],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/976"}],"collection":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=976"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/976\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1004,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/976\/revisions\/1004"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/979"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/zabota.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}