Kanzlersharing

Kooperative Führung und geteiltes Amt.

Eine Partei, zwei Vorsitzende. Daran haben wir uns gewöhnt, seit Annalena Baerbock und Robert Habeck die Grünen und seit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans die SPD führen. Ein gleichberechtigtes Führungsteam, eine Frau, ein Mann, sieht gut aus und scheint „zukunftsfähig“, wie man so schön sagt.

Die gleichberechtigte Doppelspitze ist eine großartige Idee und zwar nicht nur für die Spitzenämter von Parteien. Aber es gibt ein Problem. Von Staatsämtern oder Behörden, die von einem Führungsduo geleitet würden, ist nichts bekannt. Das ist in der Vergangenheit nie aufgefallen. Beispiel Kanzleramt1: Der starke Mann oder die starke Frau an der Parteispitze war, die Parlamentsmehrheit oder die Führungsrolle in einer Koalition vorausgesetzt, für das Kanzleramt gebucht: Angela Merkel, Gerhard Schröder, Helmut Kohl, Willy Brandt – sie alle waren Vorsitzende ihrer Partei. Auch Armin Laschet (CDU) und Markus Söder (CSU), die potenziellen Kanzlerkandidaten, sind Vorsitzende ihrer Partei. Mit der Doppelspitze ist das nun nicht mehr so einfach. Kanzlerin oder Kanzler kann nur eine/einer werden. Das riecht nach Showdown, es muss eine Person, gewählt, gewürfelt, gelost oder gekungelt werden. Schade. Auf das eigentlich glänzende Prinzip „Führungsduo“ fällt ein Schatten. Im Grunde hätte man es gleich bleiben lassen können, wenn sich die Parteimitglieder am Ende doch wieder für eine Person als Spitzenkandidat entscheiden müssen.

Wir sollten das, ganz oben beginnend, ändern. Kanzleramt, Präsidialamt, die Spitzen von Bundestag und Bundesrat, die Ministerien – alle müssen ein geteiltes Führungsamt bekommen. Überall an der Spitze sollen künftig eine Frau und ein Mann gleichberechtigt führen. Das wäre sozusagen ein erweitertes Paritätsgesetz. Wobei ein „Paritätsgesetz“ gerade erst am Bundesverfassungsgericht abgeprallt ist. Es ging darum, ob Parteien per Gesetz genauso viele weibliche wie männliche Kandidaten aufstellen müssen. Das Gericht hat die entsprechende Beschwerde abgelehnt, nicht weil sie verfassungswidrig wäre, sondern weil sie nicht ausreichend begründet wurde2. So ein Paritätsgesetz, das dafür sorgt, dass genauso viele Frauen wie Männer im Kandidatenpool sind, wäre allerdings schon die Voraussetzung für ein Ämtersharing.

Das Ämtersharing hätte fast nur Vorteile. Die größten sind Gleichberechtigung und Repräsentanz. Es gibt in etwa gleich viele Frauen und Männer, dennoch dominieren die Männer. Wer sich ein Foto von einem beliebigen Treffen der Mächtigen anschaut, findet dort kaum Frauen3. Ganz oben sind Männer unter sich. Ein Fehler. Deswegen brauchen wir sozusagen eine generelle 50-Prozent-Frauenquote für jedes einzelne Amt.

Das kann man kritisieren. Einige werden sagen, so viele qualifizierte Frauen gebe es ja gar nicht, jedoch ohne zu bedenken, dass es auch am Amt liegen kann, wenn sich keine Frau findet. Die Haushaltsfachleute unter uns, also die, die die Etats hierzulande verwalten, könnten einwenden, dass sich, wenn wir immer eine Kanzlerin und einen Kanzler (usw.) gleichzeitig haben, die Kosten verdoppeln. Das muss nicht sein. Man könnte beispielsweise beim Teilen des Amtes die Person, die bisher „an Stelle“ (lat. vice) stand, also Stellvertreterin oder Stellvertreter, verzichten. Teilzeitmodelle sind ebenso möglich. Das derzeit fast immer praktizierte Modell Amtsinhaber/Stellvertreter, in Vereinen oft 1. Vorsitzender/2. Vorsitzender ist hierarchisch. So soll es eben nicht sein.

Das Ämtersharing hätte viele praktische Aspekte. Der erste ist, dass gemischte Teams in der Regel kreativer sind. Der zweite: man kann mehr schaffen. Staatsoberhaupt 1 empfängt den ausländischen Gast, Staatsoberhaupt 2 überreicht einen Preis. Es gibt, drittens, mehr Möglichkeiten der Repräsentanz: natürlich Frauen/Männer, vielleicht zusätzlich Ost/West oder die Kombination von einer jüngeren und einer älteren Person. Zwar gehen wir davon aus, dass an die Spitzen der Ämter ausschließlich Ehrenleute gelangen, ein wenig Kontrolle, wechselseitige Achtsamkeit, also das Vier-Augen-Prinzip4, kann jedoch, viertens, nicht schaden. Ein fünfter Aspekt ist das Ausbleiben von Machtmissbrauch und patriarchaler Strukturen (matriarchale sind selten). Wenn Männer lange an der Spitze stehen, glauben sie oft, es gehe gar nie mehr ohne sie. In nicht wenigen Staaten dieser Welt haben Männer die Verfassungen so verbogen, falls überhaupt nötig, dass sie auf Lebenszeit an der Spitze stehen. Das Vier-Augen-Prinzip heißt im Englischen nicht umsonst „two-man rule“.

Nur: Wir brauchen kein Fernglas, um patriarchalische Strukturen zu finden. Gibt’s auch bei uns. „Das Problem ist und bleibt die patriarchalische Gesellschaft“, sagt Gabriele Diewald, Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Hannover zur Aufnahme gendergerechter Formulierungen im Online-Duden5. Es sagt ja keiner, Ausdrücke wie „Professor*innen“ seien sehr, sehr schön. Es ist Notwehr. Notwehr gegen die Herrschaft der Patriarchen. Die wir überwinden müssen – oder wie es Axel Bosse6 in seinem Lied „Das Paradies“ so schön formuliert: „Ich sah nicht einen Patriarchen, der Scheiß war vorbei“.

Es ist noch nicht das Paradies, aber es wird besser, wenn an der Spitze grundsätzlich ein Frau-Mann-Team steht. Theoretisch und vollkommen gerecht wäre es sogar, W-M-D-Führungsteams zu bilden. Praktisch würde sich dann die Besetzung von Spitzenposten schwierig gestalten.

Wichtig ist, dass Kandidatin und Kandidat nicht unabhängig voneinander zur Wahl stehen, sondern von vornherein als Team antreten. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die „Chemie“ stimmt. Zu wählen sind also grundsätzlich Zweierteams. Das hat die SPD sehr schön vorgemacht: Am Ende haben sich noch sechs Kandidatenpaare (von ursprünglich acht) zur Wahl gestellt7. Das heißt: Zwölf Menschen beiderlei Geschlechts haben Verantwortung für diese Partei übernehmen wollen. In der CDU waren es drei. Drei Männer.

Der Rest ist schnell erzählt: Es folgt ein Umbau der Republik nach dem klassischen Top-Down-Ansatz (der Einfachheit halber in heute geläufigen Bezeichnungen): Kanzleramt, Bundespräsident, Bundestagspräsident, Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, Ministerien, Bundesbank, Generalinspekteur, Landesminister, Regierungspräsidenten, Landräte, Bürgermeister usw.

Spannend (und spaßig) wird es beim Umbau der Wirtschaft, beginnend mit den Vorstandsvorsitzenden der Dax-Konzerne. Wie weit man das nach unten in die mittelständische Wirtschaft durchexerziert, wäre noch zu durchdenken. Dass es grundsätzlich geht, zeigt jetzt die „Braunschweiger Zeitung“. Dort besteht die Chefredaktion künftig aus einer gleichberechtigten Doppelspitze8.

Der Phantasie dürfen da keine Grenzen gesetzt werden. Nach Politik und Wirtschaft sind Verbände, Vereine und Institutionen an der Reihe: Gewerkschaften und Arbeitgeber, Fußballbund und Kleintierzüchter, Gesangverein und Hochschulleitung usw. Beim ADAC, von dem es ja dieses legendäre Foto eines neuen Vorstands gibt9, steht dann eine Satzungsänderung an und nicht zuletzt die (katholische) Deutsche Bischofskonferenz wird sich etwas einfallen lassen müssen. Mit Frauen an der Spitze fiele das leichter.


1 Ich sehe hier bewußt vom Gendern ab. Kanzler ist der Begriff die Frau und den Mann in diesem Amte, es sollte auch kein „Kanzlerinnenamt“ geben.

2 zeit.de, 2.02.2021: Verfassungsgericht weist Beschwerde zu paritätischen Wahllisten ab
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-02/paritaetsgesetz-bundestag-frauen-verfassungsgericht-wahllisten?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F


3 Zum Beispiel der G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/g7-g20/die-g20-387324


4 Wikipedia-Eintrag „Vier-Augen-Prinzip“, abgerufen am 9.01.2021
https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Augen-Prinzip


5 spiegel.de, 13.01.2021: Das Problem ist und bleibt unsrer patriarchale Gesellschaft
https://www.spiegel.de/start/berufswahl-von-frauen-so-beeinflusst-sprache-ihre-entscheidung-a-96067e35-70ce-43e1-9e89-882de7fa06d3

6 Axel Bosse, „Das Paradies“
https://www.youtube.com/watch?v=4_16Ig-ZSQY


7 zeit.de, 2.09.2019: „Diese zwölf Männer und Frauen wollen den SPD-Vorsitz“
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-09/spd-parteivorsitz-kandidaten-olaf-scholz-ralf-stegner-karl-lauterbach

8
kress.de, 24.02.2021: Kerstin Loehr und Christian Klose steigen zu Chefredakteuren der Braunschweiger Zeitung auf – Armin Maus geht
https://kress.de/news/detail/beitrag/146899-kerstin-loehr-und-christian-klose-steigen-zu-chefredakteuren-der-braunschweiger-zeitung-auf-armin-maus-geht.html

9 spiegel.de, 12.05.2019: Der Männerclub
https://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-waehlt-neues-praesidium-der-maennerclub-a-1267010.html


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