Aus dem Weg, Herr Steinmeier

Platz da für eine Frau aus Ostdeutschland.

Es geht ein Riss durch Deutschland. Der verläuft ausgerechnet dort, wo wir heute das „Grüne Band1“ finden, die ehemalige Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland. Doch das „Grüne Band“ verbindet immer weniger.

Östlich dieser Linie gibt es mehr ältere Leute und weniger junge, es gibt weniger Wohlstand, mehr Arbeitslose, weniger Geimpfte und mehr AfD-Wähler. Insgesamt ist das Vertrauen der Bürger in den Staat im Osten wesentlich geringer als im Westen (mit Ausnahme des Saarlandes)2. Im Osten fürchten viel mehr Betriebe um ihre Existenz als im Westen3.

Ein wesentlicher Grund dafür ist die schon legendäre Tatsache, dass Spitzenpositionen im ganzen Land hauptsächlich mit Männern aus Westdeutschland besetzt sind. Im Osten ist man da – zu Recht – sehr sensibel. Selbst im Westen gibt es solche Sensibilitäten. Was hat man sich darüber lustig gemacht, angesichts der drei Kandidaten für das Amt des CDU-Vorsitzes – alte Männer aus NRW. „Der Wettkampf der alten Männer“ titelte kürzlich Spiegel online über die Präsidentschaftswahl in Italien4. So läuft es hierzulande auch wieder, mit nur zwei Kandidaten.

Der Riss durch Deutschland wurde lange nicht wahrgenommen. Der Grund: Die Kanzlerin war eine Frau aus Ostdeutschland. Und ein Bundespräsident kam vor nicht allzulanger Zeit ebenfalls aus dem Osten. Das ändert sich gerade. Die Spitzen des Staates sind fest in der Hand von Westdeutschen. Einmal mehr drängt sich der Verdacht auf, die Übernahme eines Amtes habe nichts mit Qualifikation, sondern mit Parteizugehörigkeit und vor allem mit der Dauer der Parteizugehörigkeit zu tun.

Daher ist es jetzt Zeit für eine Kandidatin aus Ostdeutschland, welche die Bundesversammlung am 13. Februar 2022 (hoffentlich) zur ersten Präsidentin der Bundesrepublik Deutschland wählen wird.

Man könnte ja überhaupt mal ein bisschen über die Zukunft der hohen Staatsämter nachdenken. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich bereits vorgeschlagen, Ämter grundsätzlich paritätisch – eine Frau, ein Mann, je 50 Prozent – zu besetzen5. Ebenfalls denkbar wäre eine Art „libanesische Lösung“6. Ist der Bundeskanzlerin ein Mann, muss der Bundespräsident eine Frau sein, bzw. umgekehrt.

Westdeutsche! Zeigt doch endlich mal mehr Wertschätzung für den Osten! Ein ist ein enormer Zugewinn an Land und Leuten. Unter diesen Leuten wird sich doch wohl eine Frau finden, die als Kandidatin in Frage kommt (bitte nicht Frau Giffey).

Also, aus dem Weg, Herr Steinmeier. Machen Sie Platz, verzichten Sie auf die Kandidatur oder nehmen Sie die Wahl nicht an. Platz für die Frau Bundespräsident.

 

1 Wikipedia-Eintrag „Grünes Band Deutschland“, abgerufen am 21.01.2022
https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCnes_Band_Deutschland

 

2 berliner-zeitung.de, 8.01.2021: Umfrage – Ostdeutsche vertrauen Politikern und Regierung weniger als Westdeutsche
https://www.berliner-zeitung.de/news/umfrage-ostdeutsche-vertrauen-politikern-und-regierung-weniger-als-westdeutsche-li.130903

 

3 deutschlandfunk.de, 21.01.2022: Existenzsorgen der ostdeutschen Wirtschaft weiter groß
https://www.deutschlandfunk.de/existenzsorgen-der-ostdeutschen-wirtschaft-weiter-gross-100.html

 

4 spiegel.de, 22.01.2022 (S+), Der Wettkampf der alten Männer
https://www.spiegel.de/ausland/mario-draghi-und-silvio-berlusconi-wollen-italiens-staatspraesident-werden-das-rennen-ist-noch-voellig-offen-a-59799392-c9f8-4d10-bba8-0cc57f7d8568

 

5 zabota.de, 1.03.2021: Kanzlersharing

 

6 Wikipedia-Eintrag „Libanon/Staatsaufbau“ abgerufen am 21.01.2022.
https://de.wikipedia.org/wiki/Libanon#Staatsaufbau

 

 

Pressebild von bundespraesident.de/Steffen Kugler (Presseamt der Bundesregierung)
Es zeigt Schloss Bellevue in Berlin, den Amtssitz der Bundespräsidentin/des Bundespräsidenten.

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