Danke, Discounter

17 Gründe, warum wir den Discountern zu Dank verpflichtet sind.

1. Danke, Discounter, dass Ihr Lebensmittel wertlos gemacht habt.

Aaaah, jetzt merken doch einige, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn der Schweinebraten 4,49 Euro und der Rinderbraten 6,86 Euro (KW 28/2020) kostet: Hygiene, Arbeitsschutz, Entlohnung etc. bleiben auf der Strecke.
Fleisch ist jedoch keine Ausnahme: Brot für 1,16 Euro das Kilo, die Brezel für 19 Cent, ein Kilo Kartoffeln für 10 Cent, Tomaten zwei Euro pro Kilo, Kirschen für 3,80 pro Kilo? Wer weiß eigentlich noch, wie lange es dauert, um ein Kilo Kirschen zu pflücken (Mindestlohn: 9,50 Euro)?
Nichts geht hier mit rechten Dingen zu – weder bei den Löhnen, bei den Transportkosten, bei den Anbaumethoden…

Wirtschaftspolitisch geht es ebenfalls nicht mit rechten Dingen zu. In Deutschland beherrschen fünf große Konzerne im Lebensmitteleinzelhandel drei Viertel des Marktes. Sie üben Druck auf die Hersteller aus, die den Druck an die Erzeuger weiter geben.

Das ist fast überall auf der Welt ähnlich. So schrieb der Schriftsteller und Aktivist Cyril Dion: „In Frankreich vereinen heute die vier Einkaufszentralen der großen Handelsketten (…) 92,2 Prozent des Verkaufswertes der Einkäufe (…). Diese Stellung verleiht ihnen beträchtliche Macht, um die Preise festzulegen, die Produktionsbedingungen zu beeinflussen… Sie fördern in unmittelbarer Weise die industrielle Landwirtschaft…“

Die Frage ist, wo eigentlich die so genannten Wettbewerbshüter bleiben, wenn der Wettbewerb in diesem für die Daseinsvorsorge so wichtigen Bereich verschwunden ist? Wo ist die Politik, die solche Oligopole verhindern soll?

Nur am Rande: Zur Daseinsvorsorge zählen heute ebenfalls Internet und Suchmaschinen, um sich darin zurechtzufinden. Hier stellt sich ebenfalls die Frage, wie es passieren konnte, dass ein einziges Unternehmen den Markt beherrscht, obwohl es Alternativen im Dutzend gibt.

2 Danke, dass Ihr die Bauern ruiniert.

Ein Witz: Ausgerechnet der Stand, der uns alle ernähren sollte kann sich selbst nicht ernähren. Also, wenn wir nur das „Kerngeschäft“, den Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse betrachten. Da reicht es nicht. Vielleicht mit einem Hofladen, in dem Verbraucher bereit sind, höhere Preise zu zahlen. Ein Großteil des Einkommens der Bauern kommt indessen aus EU-Subventionen. Hinzuzuzählen sind bei einigen Erträge aus Biogasanlagen, der Verpachtung von Flächen für Windkraft- und Solaranlagen oder regionale Vermarktung.

Doch nicht nur die Bauern kämpfen um ihre Existenz. Brezel 25 vs. 70 ct. Dito Brötchen. Da kann kein handwerklich arbeitender Bäcker überleben.

Ein Discounter wirbt mit dem Spruch „Ein Herz für Erzeuger“, was sich anhört wie „Ein Herz für Tiere“. Vom Verkaufspreis bekommt der Erzeuger 10 Cent garantiert. Gleichzeitig war der angeblich hier erzeugte Kochschinken von 1,29 Euro auf 99 Cent reduziert (200 Gramm).

Warum müssen eigentlich nur Lebensmittel so billig sein? Für Autos und Wohnungen gibt es nach oben kaum Grenzen

3 Danke, dass ihr aus Lebensmitteln Müll macht.

Der Mensch musste für das tägliche Brot zeit seines Daseins hart arbeiten. Fleisch? Eine Seltenheit. Den Großteil seiner Arbeits- und Lebenszeit verwendete er, um Essen heranzuschaffen. Das gelang nicht immer. Das Wetter, das Klima, Naturkatastrophen, aber auch Kriege und Unruhen haben ihm oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Folgen waren Hungersnöte, in Deutschland zuletzt vor rund 200 Jahren.
Nebeneffekt: Dadurch schätzte man Lebensmittel auf’s Höchste. Undenkbar, Essen wegzuwerfen.

Und heute? Wie viele Millionen Tonnen sind es gleich, die wir wegwerfen. Solange Lebensmittel Ramschware sind, landen sie ruckzuck im Müll.

4 Danke für die vielen schönen Sachen.

Oh, nein! Nicht sinnlos. Warum soll eine Gartensolarlampe mit Erdspieß sinnlos sein. Braucht man immer.

Eigentlich sind die Discounter Lebensmitteleinzelhändler. Dieses ganze Non-Food-Zeugs, mit dem sie uns Woche für Woche überschütten, nennen sie „Aktionsware“.

Die Leute kaufen das nicht, weil sie es wirklich brauchen, sondern weil es gerade billig ist.

Der tiefere Grund hierfür ist die Außenhandelsstruktur Deutschlands. Wir exportieren Güter auf höchster Verarbeitungsstufe und müssen zum Ausgleich einiges importieren. Kein Land der Welt, schon gar nicht China, nimmt es auf Dauer hin, ausschließlich Absatzmarkt für unsere Autos und Maschinen zu sein. Daher müssen wir neben Rohstoffen einiges an Konsumgütern importieren. Vereinfacht gesagt: Auf jeden Container mit Maschinen, der Deutschland verläßt, kommt ein Container mit Konsumgütern für useren Markt. Da für diese Dinge im Grunde kein echter Bedarf besteht, findet der Absatz über den Preis statt. Und zwar beim Discounter.

5 Danke für Eure Aktionen.

Weder wüssten wir sonst wann genau Weihnachten stattfindet oder gar Ostern, noch kämen wir in den Genuss aktueller Traditionen wie Valentinstag oder Halloween. Und wenn gerade wirklich nichts passt, feiern wir ein „Alpenfest“. Was immer das sein mag. Jedenfalls titelte der Discounterprospekt „Feiere Dein Alpenfest“ just in der dritten Kalenderwoche 2019, in der die Alpen in katastrophalen Schneemassen versunken waren. Auch die „große Bratwurstaktion“ sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Oder die „Knaller-Brüller vom Wochenende“ (der Knaller-Brüller in KW 34 waren Gurken zu 38 ct./Stck. – lesen Sie dazu den Beitrag über Gurken).

Und danke für die Spitzenwerbung. Die Werbung für solche Aktionen hat schon etwas Skurriles. Warum muss man billige Butter überhaupt bewerben? Billige Butter ist doch der Daseinszweck der Discounter. Und warum die Billigtextilschleuder auch noch für ihre niedrigen Preise wirbt ist ein Rätsel, wo doch allen klar ist, dass die Lebensverhältnisse in Bangladesch dadurch nicht besser werden.

6 Danke für das schöne Plastik.

Vermutlich ist hier die Wurzel des Übels. Jedes Schnitzel, jede Keule – in Plastik. 100 Gramm Schinken in stabilster Box – 30 Gramm Plastik. Der Inhalt in zwei Wochen verdorben – die Box hält ewig. Plastik macht den Transport möglich. Nur so konnte es zu dem enormen Konzentrationsprozess beim Aufziehen, Schlachten und Verarbeiten kommen. Aus lokalem Metzgerhandwerk wurde globale Fleischindustrie.
Ebenfalls in der Plastikbox: jedes Tomätchen und jedes Gürkchen.

Natürlich hat das kein Mensch kommen sehen.

7 Danke, dass Ihr immer die ersten seid, die die „grüne Wiese“ zubetonieren.

Große Verkaufsflächen und noch größere Parkplätze – alles braucht Platz.

8 Danke, Discounter, für den Champagner.

„Champagner für alle!“ (Originalwerbespruch eines Discounters). Ein anderer brachte kürzlich Kaschmir unter die einfachen Leute. So entsteht der Eindruck, es ginge allen, wirklich allen sehr, sehr gut. Die Folge: Kein Handlungsbedarf für die Politik. Was soll eine Regierung noch tun, wenn es allen gut geht? So sind die Discounter mit verantwortlich für Reformstau und Stillstand.

Folgende Tatsache zeigt jedoch, dass dies alles politisch gewollt, wenn nicht sogar herbeigeführt wurde: Ein Viertel aller Arbeitnehmer in Deutschland verdient weniger als 12 Euro pro Stunde, das sind weniger als 2000 Euro im Monat. Das reicht einer Familie, wenn nur einer verdient, gerade mal so zum leben.

Viele müssen also beim Discounter kaufen, ob sie wollen oder nicht. Sie können sich die 3,50-Euro-Bio-Butter schlicht nicht leisten und greifen deshalb zur 1,29-Euro-Discounter-Butter.

Das heißt, solange es in Deutschland einen so großen Niedriglohnsektor gibt, ist eine vernünftige Landwirtschaft inklusive Tierwohl gar nicht möglich.

9 Danke, Discounter, dass Ihr uns so viele Arbeitsplätze wegnehmt.

Das hat schlicht mit Produktivität zu tun. Großkonzerne haben nun einmal eine höhere Produktivität pro Mitarbeiter als kleinere Betriebe. Ein selbstständiger kleiner Laden hat bezogen auf den Umsatz mehr Personal, ebenso ein Döner-Laden im Gegensatz zur Systemgastronomie. Statt Familienbetrieben mästen wir Investoren und Milliardäre.

Vor nicht allzu langer Zeit (etwa zwei Generationen) gab es überall in Deutschland eine vielfältige Einzelhandelslandschaft mit einer Vielzahl von selbstständigen Läden aller Art. Die Versorgung war besser. Meine Schätzung: Jeder Discounter hat zehn selbstständige Einzelhandelsgeschäfte platt gemacht. Statt individueller Kaufleute, die regional beschaffen, gibt es jetzt überall den Einheitsbrei.

10 Danke, Discounter, dass ihr für Homogenität der Produkte sorgt.

Mit anderen Worten: Alles schmeckt immer überall gleich. Produktvielfalt wie es sie idealerweise bei handwerklichen Lebensmittelherstellern gibt, Bäckern, Metzgern, Konditoren, wurde erfolgreich eliminiert.
In meiner Jugend, was zwar Jahrzehnte, aber nicht Jahrhunderte her ist, gab es in unserem Stadtviertel ein Milchgeschäft. Da gab es Milch und Käse unverpackt. Die Milchkanne habe ich noch heute. Beim Eisenwarenhändler gab es Schraubenschlüssel einzeln zu kaufen. Nicht im Komplettset in der Plastikbox.

11 Danke, dass ihr jegliche Regionalität abwürgt.

Was Euch natürlich nicht daran hindert, mit Regionalität ganz groß zu werben. Dabei helfen kreative Produktnamen, am besten irgendwas mit „Heimat“, Regionalität zu suggerieren.
Das fügt sich nahtlos in die Strategie des Zentraleinkaufs, des Zentrallagers, der Zentralverwaltung, die für Regionales keinen Platz mehr hat. Regionale Produkte sind höchstens ein Feigenblatt oder Fake.
Dabei ist regionales Produzieren von Lebensmitteln genau das, was wir brauchen – und schon hatten.

12 Danke, Discounter für Eure Prospekte.

Was würden wir lesen ohne sie? 60 Seiten über Billigbutter und Tiefpreistomaten haben doch, wenn schon nichts Informatives, eben doch etwas Beruhigendes. Beruhigend ist, dass für Holz zur Papierherstellung stets Nachfrage besteht. Die rund 50 Kilo Prospekte pro Jahr im Durchschnittshaushalt müssen ja dringend gedruckt werden.

13 Danke für die Blumen.

Mit anderen Worten, danke, dass ihr den Fachhandel ruiniert. Zum Beispiel: Floristinnen und Floristen. Zehn rote Rosen beim Discounter für 1,99 Euro – da kann kein Blumenladen mehr mithalten.

Die wichtigste Strategie des Discounters im Allgemeinen ist es, aus jeder Warengruppe die Schnelldreher und Umsatzbringer herauszupicken. Der Betriebswirt spricht von Cashcows. Diese Strategie ist an sich nicht verwerflich, aber die Ursache für das Verschwinden des Fachhandels. Milchgeschäfte gibt es gar nicht mehr, Eisenwaren-, Kurzwaren- und Schreibwarenhändler gibt es nur noch selten. Als nächstes sind die Bäckerinnen/Bäcker und Metzgerinnen/Metzger dran, und eben Floristinnen.

14 Danke, Discounter, dass ihr jegliche Eigeninitiative im Keim erstickt.

Wer das Kilo Brot für unter zwei und ein Glas Rote Beete für unter einem Euro ersteht, wird sich nie mehr an den Backofen stellen bzw. im Garten bücken.

15 Danke, Discounter, für die gigantischen Logistikzentren.

„Ein Neubau sprengt alle Maße“ schrieb eine Regionalzeitung in Baden-Württemberg über das Logistikzentrum eines Discounters. Und sie sind überall. Wo waren sie eigentlich vor 40, 50 Jahren? Da hat Einzelhandel prima ohne diese Logistikzentren funktioniert.

16 Danke, Discounter, für die pädagogischen Leistungen.

Es gibt Kinder, die glauben, Kühe seien lila und alles sei immer da. Erdbeeren selbst im Januar. Wie soll man da Kinder an Gartenarbeit („…arbeit“!) heranführen?

17 Danke, dass Ihr den Ruf deutscher Exporteure ruiniert

Es ist fatal, wie sich die deutschen Discounter mit ihrem destruktiven Geschäftsmodell überall auf der Welt ausbreiten. Selbst im fernen Australien klagt man über deren zerstörerische Praxis.

 

 

Quellen:

▪ Cyril Dion „Kurze Anleitung zur Rettung der Erde – wofür wir heute kämpfen müssen“, Reclam, Ditzingen, 2019
(Die französische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Petit manuel de résistance contemporaine – récits et stratégies pour transformer le monde“ bei Actes Sud, Arles)
▪ Der Spiegel Nr. 27/2020: Titelstory „Tatort Tönnies“
▪ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2020 „Schlachten im Akkord“
▪ spiegel.de, 23.07.2020: „Zehn Millionen verdienen weniger als 12 Euro
in der Stunde“
https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/loehne-zehn-millionen-verdienen-weniger-als-zwoelf-euro-in-der-stunde-a-1b9f204d-9afb-46fb-8051-d3e1010ff9f3

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